Wir sind nicht Europameister – na und?

Kaum ist mal ein Spiel verloren drischt nun das Volk der Fußballexperten auf Trainer und Mannschaft ein, getreu dem Motto „Für einen Enke wird’s noch reichen“.
Die Deutsche Mannschaft hat vier wirklich schöne Spiele abgeliefert und die Stimmung der Fans war eigentlich immer gut. Public Viewing hat Spaß gemacht und insofern war es ein gelungenes Turnier – das Ziel, Spaß dabei zu haben wurde nämlich erreicht.
Okay, nun sind „wir“ nicht Europameister, na und? Es gibt wichtigeres. Das Spiel war völlig verkorkst, zugegeben, aber was macht das schon? Nun haben halt Spanien und Italien die Chance das Turnier zu gewinnen und beiden Mannschaften und Ländern würde ich es auch gönnen, Spanien ein bißchen eher noch als Italien.
Ich bin Trainer Löw und der Mannschaft eher dankbar für eine recht schöne Zeit, gewinnen muß man nun wirklich nicht immer.

Kurz vor dem Spiel wurde die mannschaft noch über den grünen Klee gelobt, kurz nach dem Spiel waren’s dann plötzlich „Versager“. So ein Unsinn. Es hat halt nicht sollen sein und geklappt hat es auch nicht. Das macht aber nichts denn die Deutsche Mannschaft gehört nach wie vor zu den besten und gefährlichsten der Welt und genießt hohen Respekt überall. Ob Spanien, Italien oder Brasilien, jede wirklich gute Mannschaft zollt den Deutschen Spielern Respekt und weiß, daß ein Sieg schwer ist. Aber er ist möglich.

Und was macht unsere Presse und das Volk dahinter? Reagiert typisch Deutsch, kritisiert, mäkelt und jammert herum. Wenn die Fußball-EM eines gezeigt hat, dann daß deutsche Fußballfans offensichtlich schlicht schlechte Verlierer sind.

Nebenbei: Hier gibt es ein wirklich hörens– oder lesenswerten Beitrag von Martin Hyun: Warum Özil die Hymne nicht mitsingt. Fußball, Integration und Nationalgefühl.

Weiß Ferdl: DIe Linie 8

Nachdem ich heute endlich meine Weiß-Ferdl-Sammlung vervollständigen konnte, möchte ich natürlich auch meiner lieben Frau den Text der Linie 8 nicht vorenthalten.

Text:

Vom Münchner ist allgemein bekannt, daß er erstens einen gesunden Durst hat – und zweitens, daß er gern schimpft. Und am allermeisten schimpft er, wann er Trambahn fahren muß, besonders jetzt, wo wir so wenig Wägen haben.
Ich werde Ihnen nun eine Fahrt durch uns’re Münchner Stadt schildern, mit der Trambahn.

Ein Wagen von der Linie 8,
weiß-blau, fährt ratternd durch die Stadt.
So fährt der Wagen schnell dahin.
Die Menschen in dem Wagen drin,
die schaun gar grantig – niemand lacht.
Da drin – im Wagen der Linie 8.

„Nächste Haltestelle – Harras, Waldfriedhof umsteigen“
„Ach bitte schön Herr Schaffner – Max-Weber-Platz? Muß ich jetzt da jetzt umsteigen?“
„Nein, erst am Stachus, in die Linie 19 oder 4.
So, bitte aussteigen lassen“
„Aber Leid laßt’s doch’d Leid naus, hm? Laßt‘ es halt naus!“
„Geh halt weg, Du oida Depp!“
„Dir gib I glei an oidn Deppn, Du Rotzlöffe, Du rotziger!
A so a schwindsüchtiges Zigarettenbürschal a scho as Mei aufreißn!
I bin a oider Münchner Bürger, der 50 Jahr seine Steiern un Abgabn zahlt hat!
Da heat sich doch alles auf!“

„Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“
*plim*

Ein Wagen von der Linie 8,
– „In die Mitte gehen!“ –
weiß-blau, fährt ratternd durch die Stadt.
– „noch jemand ohne?“ –
– „Isacklbar?“ – „Wohin?“ – „Isacklbar?“ –
So fährt der Wagen schnell dahin.
– „Isacklbar?“ –
Die Menschen, die im Wagen steh’n drin,
– „Oiso des woaß I ned wo des is…“ –
die wack’ln hin und her ganz sacht.
– „Der Herr möcht zur Isartalbahn.“ –
– „Jochso!“ –
Da drin – im Wagen der Linie 8.
– „Isacklbar, da soit ma draufkema.:!“ –

„Nächste Haltestelle Bavariastraß‘, steigt jemand aus?“
„Na nei woll’n ma! Geht’s halt auf’d Seitn, daß ma nei ko!
Da hockt a jeder drinn und liest Zeitung,
als wie wann a 5 Mark zoit hätt, für’n Sperrsitz
und wir warten da heraust bis die Verdrußlinie mal daher kummt
Auf’d Seitn, Himme Sackarament no amoi!!!“
„A so a Narrischer, kannt ma narrisch wer’n!“
„Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“
*plim*

Ein Wagen von der Linie 8,
– „In die Mitte gehn“ –
weiß blau, fährt ratternd durch die Stadt
– „Noch jemand ohne?“ –
– „Sie Lümmel, Sie!“ -„A Preiß aa no, jetzt werd’s recht! Hoho!“ –
So fährt der Wagen schnell dahin.
– „Sie Kamel!“ –
Die Menschen, die im Wagen drin,
– „Du Rindviech, Du saudumm’s!“ –
die schau’n sich bös an, sind verkracht.
– „Affe!“ –
Da drin – im Wagen der Linie 8.
– „Rhinozeros!“ –

„Ruppertstraß! Zoologischer Garten, umsteigen.“
„Ach bitte schön, Herr Schaffner, Max-Weber-Platz? Muß ich da jetzt um…“
„Neeein, no lang ned, erst am Stachus in die Linie 19 oder 4.
So, bitte aussteigen lassen!“
„Aber Leid – laßt doch’d Leid naus! Laßt‘ es halt naus, hm?“
„Bitte schön, ich möchte aussteigen.“
„No, na steig halt aus“
„Ja, aber ich kann nicht!“
„Ja, dann kann i Dir a ned helfa“
„Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“
*plim*
„Ja, ich möcht‘ doch aussteigen!“
„Ja, des häts’t da früher überlegn müssen“

Ein Wagen von der Linie 8,
– „In die Mitte gehn“ – „Da komm‘ ich ja wieder nicht hinaus“ –
weiß-blau, fährt ratternd durch die Stadt
– „Bei der Endstation, do geht’s nachad scho.“ –
– „So drücken Sie doch nicht so!“ – „I druck ja ned. Da hint‘ druckans“ –
So fährt der Wagen schnell dahin
– „Host sie gseng, mit de roten Fingernägel?“ –
Die Menschen, die im Wagen drin
– „und’s Mei o’gstricha, da graust’s ma scho“ –
Neipfercht, als wie in einem Schaft
– „A liaba no a angstrichas Maul, als wie a so a bissigs!“ –
Da drin, im Wagen der Linie 8.
– „Hohohoho“ –

„Do helfa’d Mannsbilder zam, wenns um so a Flitschal geht, um a so a ozupft’s!
Da haert sich doch alles auf!“
„Nächste Haltestelle Sendlinger Tor – Platz, umsteigen in der Richtung Fraunhofer und Neikirchner Straß!“
„Ach bitte schön Herr Schaffner, Max-Weber-Platz?“
„Naaa! Erst am Stachus, jetzt lassn’s eahna nur Zeit!
So, bitte aussteigen lassen!
Erst die Plattform frei machen!
Bisl rascher aussteign!
Herrschaft, alte Rutschn!
Schau halt amoi, daß’d ausse kimmst, sonst tritt i da ins Kreiz nei!“
„Ist doch unglaublich! So spricht man doch nicht mit einer Dame!“
„Im Trambahn gibt’s koa Dame!“
„Na, da gibt’s blos an Hammel, gell? Is a wahr a, ned?“
„Jetzt drucka de scho wieder rei, laßt’s doch uns zuerst naus!
Himma Sackarament no amoi!!!“
„Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“
*plim*

Ein Wagen von der Linie 8,
– „In die Mitte gehn“ –
weiß-blau, fährt ratternd durch die Stadt.
– „Noch jemand ohne?“ –
– „hach Gott, ich krieg keine Luft mehr!“ – „Guat, dann gibst ma Deine Lebensmittelmarken.“ –
So fährt der Wagen schnell dahin
– „A paar hängen am Trittbrett drobn…“ –
Die Menschen, die im Wagen drin
– „schaung gar nimmer hin, wenn einer nunter foit“ –
die haben ihn nur im Verdacht
– „der hat halt ned zahln wolln!“ –
So san’s, im Wagen der Linie 8.

„Nächste Haltestelle Stachus-Karlsplatz!
Umsteigen in der Richtung Hauptbahnhof, Pasing, Neuhausen, Marienplatz, Maximilian- und Leopoldstraß‘!
So, bitte aussteign lassn!“
„Aber Leid – laßt’s doch’d Leid naus – hm? Laßt‘ es halt naus“
„Ja ko ma ja ned, wenn der Schieber dosteht wia a… “
„Dir gib i do glei an Schiaber, Du Dreckhammel, Du mistiger, gell, Du?
Hau Dir a paar solcherne Watsch’n runter, daß’d hinten raus schaugst! Da heart sich doch alles auf!“
„So nehmen Sie doch Rücksicht auf eine schwächliche Frau!“
„Hoho! Schwächliche Frau! Rennt ma glei an Ellnbogen nei, daß ma d’Rippn alle krachn, des mog i“
„So wat gibt’s ja nur in Bayern!“
„Sie ah scho, de preißische Krampfhenna, net wohr?“
„Also jetzt lasse  grad mi aussteige, i muß ja an Bahnhof! Sonnst dawisch i mei Zügle nimmer!
Aussteige lasse! Aussteige lasse!“
„Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“
*plim*

Ein Wagen von der Linie 8,
– „In die Mitte gehn“ –
weiß-blau, fährt ratternd durch die Stadt.
– „Noch jemand ohne?“ –
– „Sie, laßn’s eahna Nasntröpfal ned grad auf mi falln“ –
– „Na, hinauf kann i’s a ned falln lassn.“ –
So fährt der Wagen schnell dahin
– „Fahrberechtigungsausweis!“ –
Do schaugt jetzt mancher gradaus drin
– „Aha! Zwei Mark!“ –
– Jo freili!“ – „Ja, geh ha, des war do glacht! –
– „Ja, dann steign’s aus!“ –
Jawoi des dur’i, geb’ns nur acht
– „Do muaß i a so raus!“ –

„Nächste Haltestelle Gabelsberger Straß, steigt jemand aus?“
„Ach bitte schön, Herr Schaffner, Max-Weber-Platz?“
„Jetz is de no oiwei da, mein Gott!
I hab’s eahna doch zwanzg moi gsagt, am Stachus, bei der letzten Station, do hättn’s raus müassn!“
„Was? O Gott o Gott! Mich trifft der Schlag!“
„Gut, dann bleibn’s sitzn bis zum Nordfriedhof“
„Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“
*plim*

Ein Wagen von der Linie 8,
– „In die Mitte gehn“ –
weiß-blau, fährt weiter durch die Stadt.

Wen es interessiert, dem sei hier der Netzplan von 1964 verlinkt, das ist der älteste den ich auftreiben konnte. Die Linie 8 (grün dargestellt) wurde 1975 eingestellt als die UBahn (Linie U3) bis nach Fürstenried West hinausging. Bis dahin fuhr die Linie 8 von Fürstenried West über das Stadtzentrum (Sendlinger Tor, Stachus) und Milbertshofen bis zum Hasnbergl. Heute wird der südliche Teil von der U3, ab Harras auch der U6 bedient, der nördliche von den UBahnlinien 2 sowie natürlich einer Reihe von Bus- und Tramverbindungen kreuz und quer. Nebenbei gibt es eine sehr interessante Homepage zur Geschichte der Tram in München.

Schönes und Unschönes auf dem Heimweg

Als ich heute von der Arbeit nach hause kam begegneten mir gleich dreierlei Dinge, die irgendwie nachdenklich stimmen. Eine Begegnung zwischen zwei Menschen, ein Bettler und eine bettelnde Rentnerin.

Im Münchner Studentenviertel zwischen Maxvorstadt und Schwabing begegnen einem zwischen Frühling und herbst stets eine Gruppe von Gestalten, die um eine kleine Spende bitten. Sie sind meist südländischer Herkunft, gehen samt und sonders mit einer Krücke umher und – ganz wichtig – sie haben die Straßen offenbar deutlich nach Bezirken unter sich aufgeteilt.

Das wäre soweit ja ein ganz normales Verhalten in einer Großstadt allerding sind diese Jungs offensichtlich ziemlich gut organisiert – sobald ich mal einen freien Abend habe finde ich mal heraus woher die eigentlich kommen und vor allem wo die wohnen. Ich habe nicht das geringste dagegen, daß sie Hilfe benötigen und würde ihnen auch gerne helfen. Allerdings glaube ich in dem Zusammenhang nicht an echte Armut, sondern eher an eine straff durchorganisierte Geschichte bei der vielleicht ein Dritter mitverdient.

Es gibt hier im Viertel einen oder zwei Obdachlose die gelegentlich nach Geld fragen – oder sich auch mal einen Kaffee spendieren lassen. Die kennt man und das sind ziemlich liebe Kerle, einer von ihnen ist ein hochgebildeter Mann der mir mal erklärt hat, seine selbstgewählte (und eigentlich in Deutschland nicht zwingend notwendige) Lebensweise sei seine Art, das System zu ignorieren. Er ignoriert das System und das System ignoriert ihn meistens auch. Naja, warum denn nicht, das ist ein freies Land. Bei den Studentenprotesten vor ein paar Jahren konnte man ihn stets antreffen – ob das allerdings etwas mit einer politischen Haltung zu tun hatte oder doch eher mit der Volksküche bleibt mal dahingestellt.

So ganz einfach ist dieses Leben sicher auch nicht – vergangenen Winter erfror ein Obdachloser nahe der U-Bahnstation Universität.

Das zweite, was mir begegnete war eine Rentnerin. Sie stellte sich als Luise vor und bat um zwei Euro, weil ihre Rente ihr nicht reiche, um in München Wohnung und Leben zu finanzieren. Im Winter könne sie nicht heizen und im Sommer selten duschen, weil die Nebenkosten zusätzlich zur Miete einfach zuviel sind. Kinder hat sie keine, leben tut sie, nach eigener Aussage, in einem kleinen Ein-Zimmer-Appartment nahe der Münchner Freiheit.

Ich habe nun keine Möglichkeit, jedenfalls keine, die ich derzeit realisieren möchte, um diese Aussagen zu überprüfen aber die zwei Euro bekam sie dennoch. Warum? Naja, ich beobachte seit einigen Jahren daß nicht nur sichtlich besonders arme Schlucker in den Müllkörben und -tonnen der Bahnhöfe nach Pfandflaschen graben sondern zunehmend Senioren, die mitunter auch nicht gerade einen armen Eindruck machen. Ein bißchen einen Schrecken versetzte es mir, als ich mir vor ein paar Wochen bewußt wurde, daß ich am Ostbahnhof einen Senioren (ich würde sagen so um die 70) im tadellosen Anzug dabei beobachtete, wie er Cola- und Bierflaschen aus einem Papierkorb fischte. Quer hatte vor einigen Monaten einmal über eine Seniorin berichtet, die in ihrer eigenen Wohnung fror weil die Rente die Heizkosten der ungedämmten Wohnung nicht mehr deckt. Parallel (Mitte Februar) sind mal wieder Rekordgewinne verkündet worden (beispielsweise bei Daimler). Schöne, neue Welt.

Allerdings gibt es auch etwas positives. Münchens Politessen haben allgemein einen recht schlechten Ruf, sie gelten als harsch, unfreundlich und vor allem als rechthaberisch. Es kann einem durchaus passieren, daß man das Knöllchen kassiert, während man schon wieder im Wagen sitzt und fünf Minuten über der Zeit ist.

Nun hatte ein junger Mann bei mir um die Ecke sein Fahrrad so blöd hingestellt, daß sowohl der begehrte Münchner Parkplatz, als auch der Bürgersteig unbenutzbar waren, da dort auch noch ein Baugerüst stand. Madame Politesse, eine sehr junge und wirklich bemerkenswert schöne Frau, wartete auch gleich beim Fahrrad wohl in der Hoffnung, den Delinquenten zu erwischen. Schrieb sogar, mein Eindruck, am Strafzettel.
Wieviel schöner dann die Szene, als er wieder herauskam. Sie unterhielten sich kurz, dann schob sie ihm ihren Block und den Stift zu. Sie tauschten Telefonnummern, keine Strafzettel. Mein München, irgendwie…

Mir ist schlecht…

… ich frage mich, wie lange Youtube das Video online lässt. BITTE: Sehen Sie sich das NUR an, wenn Sie über wirklich starke Nerven verfügen. Es geht um die Behandlung des Schnitzelrohstoffes durch einen…. „Bauern“…. Kühe werden geprügelt, gefoltert, malträtiert…. man wünscht sich eine Waffe um diesen Kerl mal besuchen zu können.

Von der Ausbeutung

Wie die Sueddeutsche Zeitung schreibt, ist es doch tatsächlich inzwischen sogar den Gewerkschaften aufgefallen, daß nicht nur im Rahmen von sogenannter „Leiharbeit“, also mit Zeitarbeitsverträgen eine Aushebelung der Arbeitnehmerrechte in Deutschland stattfindet, sondern auch mit Hilfe von Werkverträgen. Sinn und Zweck ist es, die Löhne nach Möglichkeit zu drücken, manchmal findet dabei nicht einmal eine echte Einsparung statt. Nur…

… was überrascht denn bitte daran? „Arbeit“ im Sinne eines Arbeitsplatzes ist eine gesellschaftlich verlangte Minimalforderung, um menschenwürdige Behandlung durch die Öffentlichkeit zu erfahren (Stichwort „Schmarotzer“). Dementsprechend gilt es als zumutbar, wenn ein Arbeitsloser eine 500km von seinem Wohnort entfernte Arbeitsstelle angeboten bekommt und witrd bestraft, wenn er sie nicht annimmt. Egal ob sich ein Umzug dann finanzierbar gestaltet oder der Partner vielleicht 420km in die andere Richtung muß.

Ausgehend von dieser Geisteshaltung ist es nur folgerichtig, daß die Gesellschaft es toleriert, wenn Menschen ausgebeutet, erniedrigt und durch Knebelverträge ihrer Würde beraubt werden, alles andere wäre, Westerwelle zufolge ja, Sozialismus. Beim Schlecker bei mir am Ort gab es eine Angestellte, die alleine, um zu ihrer Arbeitsstätte zu fahren, 65% ihres Lohnes ausgeben mußte für die Spritkosten. Aber sie mußte die Stelle annehmen (und in der Regel auch mehr als 10 Stunden alleine im Laden arbeiten) weil das Amt sich sonst „im Sinne der hart arbeitenden Steuerzahler“ geweigert hätte, ihr weiterhin die Stütze zu zahlen. Gelebt haben sie, ihr Mann und das Kind von den beiden Reinigungsjobs des Mannes.

Das ist die schöne Neue Welt die mit dem Kampfbegriff „neoliberal“ umschrieben wird – es ist schlicht ein Verbrechen an der Menschenwürde, nichts weiter. Und das tragen die gleichgeschalteten Medien und Parteien gleichermaßen vor sich her. Es wäre schön, wenn sich Politik und Gesellschaft mal überlegen würden, was diese „Makrodenke“ tatsächlich im Einzelfall anrichtet – nur dann kann ein vernünftiger Arbeitsmarkt geschaffen werden. Wirtschaft und Markt sind von Menschen gemachte Dinge für Menschen – es ist eben nicht so, daß Menschen für den Markt gemacht werden. Das scheint aber die herrschende Ansicht zu sein (Stichwort „marktkonforme Demokratie“)…

Von der Moral…

Eine Erzieherin arbeitet für die katholische Kirche. Nach 12 Jahren allerdings gestattet sie sich ihr Coming-Out und gesteht ihrem Arbeitgeber, daß sie lesbisch sei. Pikanter Weise befindet sie sich zu diesem Zeitpunkt – man liest es leicht verblüfft – im Mutterschutz. Dennoch kündigt ihr Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis weil es sich dabei um eine „schwerwiegende Loyalitätspflichtverletzung im Sinne der kirchlichen Grundordnung“ handeln soll. Aha.

Wie die Sueddeutsche Zeitung berichtete, hat die junge, lesbische Dame wohl zumindest die erste Instanz gewonnen. Entschieden ist aber in Wahrheit noch gar nichts, denn die Kirche prüft, ob sie gegen das Urteil Berufung einlegt und vor allem ändert sich ja nichts an der Situation; Sobald sie aus dem Mutterschutz kommt wird sie von der Kirche entlassen. Sie könnte sicherheitshalber vielleicht noch eine Maultasche essen, aber vermutlich braucht sie das nicht. Auf der Homepage der Sueddeutschen findet sich der komplette gerichtliche Vorgang, den ich auch eigentlich unkommentiert lassen möchte.

Deutlich faszinierter bin ich zum Einen von der kirchlichen Doppelmoral, die sich hier wieder einmal offenbart: Einerseits betreibt die Kirche ein reges Verschleiern der sexuellen Neigungen und Vorlieben ihrer (geweihten) Bediensteten, bezahlt für die illegitimen Kinder und schaut bei homosexuellen Priestern weg, andererseits werden nicht geweihte Angestellte bei Bedarf entlassen. Ich kann mich gut an die ganzen Regeln erinnern, die mir eine Komilitonin, die das katholische Religionslehramt studierte, erläuterte. Sie mußte unter anderem zur Schutzbehauptung greifen, weder bei ihrem Freund, noch bei einem anderen, nicht verwandten Vertreter des anderen Geschechtes zu leben, also auch nicht in einer gemischten WG. Lustig, wenn sie eine Lesbe gewesen wäre…
Die katholische Sexualmoral ist in ihrer propagierten Art ein wenig altmodisch, in der praktizierten Art verlogen. Die Liebe wird als Machtinstrument verstanden und wohlweißlich reglementiert, der Fortpflanzungstrieb kann dem Gläubigen eigentlich nur unter kirchlicher Erlaubnis befriedigt werden ( = „Sakrament der Ehe“) mit den entsprechend bitteren Ergebnissen. Und das Verhalten der Kirche im Rahmen der systematischen sexuellen Ausbeutung von Kindern („Dienst am Hirten“) durch ihre Bischöfe, Pfarrer und Erzieher, da wollen wir lieber nicht von anfangen. Das meine ich mit verlogen.

Was mir aber zweitens viel mehr aufstößt, um nicht zu sagen, wirklich ankotzt ist die Tatsache, daß irgendeine Religionsgemeinschaft, völlig wurscht welche das ist, sich anmaßen kann, die Besetzung eines Arbeitsplatzes an einen persönlichen GLauben oder eine bestimmte Sexualpraktik zu knüpfen. Daß so etwas arbeitsrechtlich überhaupt möglich ist (Was der Richter ja schön lapidar mit  den Worten „Wer für die Kirche arbeitet, ist selber schuld.“ kommentiert.)
Regeln hat jeder Arbeitgeber. Manche verlangen einen gewissen Dress, ein bestimmtes Auftreten, keine Piercings oder extremen Frisuren, gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten werden immer vorausgesetzt. Das ist völlig normal. Aber wir sind schon beim Besetzen von Stellen nach Geschlecht oft am Rand der Diskriminierung weil es keinen Grund für eine Geschlechterspezifische Besetzung gibt: Weder sind Männer automatisch die besseren Chefs noch per se die schlechteren Kellner. Natürlich gibt es Männer, die bessere Chefs als Kellner sind aber das gilt auch umgekehrt.
Ein kirchlicher Arbeitgeber darf mich aber nach meiner Religionszugehörigkeit befragen und mir Vorschriften über meine Partnerwahl im Schlafzimmer machen. Ich zitiere mal in Auszügen eine Stellenausschreibung der evangelischen Landeskirche:

„Stellenausschreibung des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
[…]
Ihr Profil:
[…]
– Mitgliedschaft in einer evangelischen Kirche (vorzugsweise der evangelischlutherischen)“

Was hat die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die eine bestimmte Weltanschauung pflegt, mit den Diensten und Fähigkeiten eines Archivars zu tun? Warum muß man religiös sein, um eine Hilfsarbeit für Historiker verrichten zu dürfen?

Religion ist Privatsache. Was wer glaubt interessiert mich nicht. Wenn einer meint, er müsse bei Vollmond um Mitternacht einen Ochsen melken so soll er es tun – er und der Ochse werden schon sehen was sie davon haben. Weder den Staat, noch meinen Arbeitgeber oder sonst jemanden geht mein persönlicher Glaube etwas an. Das ist eine Sache zwischen Gott (oder den Göttern) und mir. Eine Weltanschauung als Grundvoraussetzung für eine Arbeitsstelle…. man darf nur hoffen, daß andere nicht auf die Idee kommen, diesem Beispiel zu folgen. Das gab es schon mal – war der sogenannte „konservative Lösungsansatz der sozialen Frage“ in der Zeit des Kaiserreiches. Ein gewisser Herr Krupp baute Arbeitersiedlungen und Schulen und verlangte im Gegenzug von seinen Arbeitern, bei den Reichstagswahlen in seinem Sinne abzustimmen. Käme heute irgendwie auch nicht gut an in der Öffentlichkeit, oder? Aber die Kirche(n), die darf alles.

Nachträglicher Einwurf am Rande: Wo bleibt eigentlich eine Sarrazineske Auslassung des Islamophoben Mobs darüber, daß vermutlich auch islamische Einrichtungen streng auf die religiöse Orientierung ihrer Putzkräfte achten? Einfach, weil in Deutschland die Religionsfreiheit von manchen als Narrenfreiheit verstanden wird und man als „Kirche“ schlicht machen darf was man will?