Lieblingsspiel: Privateer 2 – The Darkening

Lieblingsspiel:Eine neue Reihe, die ich hin und wieder mal befüllen werde, ist die Reihe meiner Lieblingsspiele. Hierbei möchte ich ein paar längst veraltete PC-Spiele vorstellen, mit denen ich mich in meiner ach so fernen Jugend beschäftigt habe. Eine Auswahl der Artikel finden Sie unter https://lastknightnik.wordpress.com/lieblingsspiele/

Privateer 2: The Darkening

Im Jahr 1996 erschien im Dezember ein Spiel von Origin, das als Nachfolger der von mir nie gespielten Weltraum-Kampfsimulation ″Privateer″ angepriesen worden war. Dank der Vorberichte in der PCGames war ich wahnsinnig aufgeregt, auch wenn ich mit 15 kaum das Geld hatte, um dieses Spiel zu kaufen – neue Computerspiele kosteten damals 89,95 DM und waren für mich und mein Taschengeld nahezu unerschwinglich. Im Dezember gab es dann eine Demo immerhin, die mich sofort fesselte. Im April 1997 schließlich schloß ich mit dem Computerspielhändler meines Vertrauens einen Deal: Ich verkaufte ihm zwei andere Spiele und zusammen mit dem bis dahin gesparten reichte es (gerade so) für das Spiel.

Den Rest des Jahres habe ich dann bis ins letzte Detail eigentlich mit dem Spiel verbracht.

Worum es geht:

Privateer 2 – The Darkening (zu Deutsch etwa ″Freibeuter 2 – Die Verdunkelung) erzählt ziemlich packend in Zwischensequenzen und Textnachrichten die Geschichte von Lev Arris, der nach einem durch angreifende Jagdflieger verursachten Absturz eines medizinischenFrachters als einziger überlebt hat, weil er in einer Kühlkapsel eingefroren war. Es hatte eine schwere Krankheit die früher unheilbar gewesen war, inzwischen aber behandelbar ist. Dummerweise hat er durch die lange Zeit in der Kapsel aber sein Gedächtnis verloren.

Während seiner Rekonvaleszenz freundet er sich mit seiner Ärztin an, wird allerdings von seltsamen Gestalten überfallen und beinahe getötet. Mehr durch Zufall und weil die Attentäter eher gegeneinander als gegen ihn vorgehen gelingt es ihm zu entkommen und ab hier übernimmt der Spieler.

Es beginnt eine Schnitzeljagd durch das spielbare Universum, das Tri-System; also drei Sonnensysteme namens Irrulan, Issac und Hom. Die Handlung, während der Lev Arris auf der Suche nach Spuren seiner Vergangenheit ist, wird sowohl in z.T. Hochkarätig besetzten Zwischensequenzen erzählt, als auch in Email, die der Spieler von Zeit zu Zeit erhält.

Neben der Haupthandlung hat der Spieler allerdings enorme Freiheiten. Da die Bewaffnung Geld kostet, ebenso wie das eigene Raumschiff, muß er es verdienen und dazu kann er viele Wege einschlagen: Als Kampfpilot zum Teil recht gefährliche oder schwierige Aufträge annehmen, als Händler Waren von A nach B schaffen oder die Sondermissionen erfüllen, die in der Regel als Begleitschutzaufträge, manchmal aber auch als gangbare Zwischensequenzen daherkamen.

Diese Freiheit kombiniert das Spiel mit einer für seine Zeit phantastischen SVGA-Grafik und einem so herrlich absurden Universum, das immer wieder Lust auf mehr machte.

Ein großes Universum

Die Freiheit des Spielers bestand auch darin, eine ziemlich große Zahl von Planeten und Raumstationen zur Verfügung zu haben, auf denen man landen konnte. Es gab insgesamt 8 große Planeten (Anhur, Bex, Crius Hermes, Hades, Hephaestos, Janus und Karaktakus), 10 Monde (Athos, Corinthias, Desolia, Destinas, Leviatha Massanas, Ostinias, Petra, Serca und Terrel) und 17 Raumstationen (CS Dexros, CS Liraonas, CS Pletirat, CS Reva, ES Corsas, ES Ferix, ES Stanton, ES Sarama, RS Bestinium, RS Craxath, RS Felos, RS Kaldon, SS Curium, SS Tersa sowie zwei Piratenstationen – Draknor und Kastagan – und die Kappa Labore – Station.). Orientiert waren sie in einer Karte mit insgesamt 220 Navigationspunkten, über die man als Spieler springen mußte um von A nach B zu kommen.

Zwischen den Planeten und Handels- (CS) sowie Superstationen (SS) konnte man handeln, auf den Hauptplaneten gab es alles Equipment, auf den Monden und Equipmentstationen (ES) eingeschränkte Ausrüstung. Als Abkürzung dienten 6 Sprungtorpaare, die einen recht rasch von einem Ende des Universums zum anderen bringen konnten, allerdings waren die Frachter, die man begleiten mußte nicht in der Lage, die Teile zu benutzen; Zudem kostete das auch noch 200 Credits Gebühren.

Man hatte die Wahl zwischen 18 verschiedenen Raumjägern, wobei der anfängliche Jäger, der Straith, auch wirklich das Käfermodell ist. Die Schiffe kosteten alle zwischen 10.000 und 250.000 Credits für die man eine ganze Weile schuften mußte, Frachter konnte man aus 6 Varianten mieten, die nicht immer verfügbar waren und unterschiedlich schwer bewaffnet und groß waren und zwischen 50 Credits und 920 Credits pro Tour kosteten.

Geld verdienen

Wie vorhin erwähnt gab es verschiedene Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Gerade am Anfang lohnte es sich, ein bißchen als Händler zu arbeiten. Der Spieler startet mit 13.600 Credits, von denen 10.000 für das erste Schiff draufgehen. Das ist allerdings unbewaffnet und Piraten lauern gefühlt an jeder Ecke. Die meisten Spieler dürften sich zwei Stream-Laser zugelegt (nochmal 1.200 Credits weg und dann ein Frachtschiff vollgepackt haben. Ich hab mir immer einen Volt-Laser gekauft (3.000 Credits) und dann lieber Piraten abgeschossen. Jedes zerstörte Schiff der Piraten bringt nämlich Geld ein: 50 Credits für einen Jäger, 100 Credits für Schmuggelfähren oder die Jäger des CLANS, 500 Credits für einen abgeschossenen Piratenkreuzer.

Das teuerste Schiff im Spiel, der Danrik, kostete 250.000 Credits, bot Platz für bis zu 5 Laser (der teuerste war der Kraven Mark IV den man nur über eine Zwischensequenz und Kampfmission erhielt und schlappe 16.000 Credits kostete) , 7 Raketenslots und sieben Slots für Erweiterungen (wie Nachbrennerbooster oder Reparatureinheiten). Was die Ausrüstungsfrage ein bißchen taktisch machte war, daß man neben den Boni auch Kühleinheiten für die Waffen einbauen mußte weil abgesehen von der Ionenkanone alle Laser Hitze produzierten (Und das ziemlich satt), woraufhin die Laser ihre Funktion einstellten. Alles in Allem kostet ein richtig gut ausgerüsteter Danrik mit der Ausstattung 4 Ionenkanonen, 1 Kraven-Laser, zwei Kühleinheiten MK III, ein Nachbrennerbooster III, ein Schildgeneratorverstärker Mk III, ein Signalfilter (gegen Virusattacken) und eine Reparatureinheit Mk II mal eben 415.000 Credits und lässt einen Slot frei für Minen oder so und Raketen sind auch noch keine da.

Eine gute Handelsroute bringt mit ein bißchen Glück pro Flug so um die 20.000 Credits ein, der beste schaffbare (Kampf-)Auftrag 16.000 Credits. Zwischendrin mußte man immer wieder das Schiff reparieren, Frachter kosten Geld…. man ist lange beschäftigt.

Suchtpotential

Warum nur hat das Spiel so ein Suchtpotential, zumindest für mich gehabt? Nun, die eben erwähnte Freiheit ermöglichte unheimlich viele unterschiedliche Stile, das Spiel durchzuspielen und man konnte es auch immer mal wieder seiner eigenen Laune anpassen. Schlechte Laune? Dann ein paar Combat-Missionen und Piraten gejagt. Gute Laune? Na dann tüfteln wir doch heute mal die perfekte Handelsroute aus. Stundenlang habe ich Preise verglichen und Routen kalkuliert.

Garniert wurde das Ganze mit einer Reihe von Zwischensequenzen die auch manche der Nebenmissionen einläuteten. Da war zum Beispiel Xavier Shondie, gespielt von Jürgen Prochnow, der einen zweimal zu einer Waffenschmuggeltour überreden kann (man kann das auch ablehnen) um damit Rebellen zu unterstützen, die wiederum gegen genetische Unterdrückung kämpfen. Da war Bill Maddox (gespielt von Bob Goody), ein etwas durchgeknallter Kriegsveteran mit schlechtem Gehör und Hamsterzähnen, der ein Militärmuseum eröffnen will. Oder Tante Gabriel (Marie Tamm, sollte man aus Doctor Who kennen), die bei Dir mitfliegen will im ihrem Mann zu entkommen. Onkel Kashumai, ein Anbeter der Bierheiligen, der den Nimmerleeren Bierkelch wiederhaben will (gespielt von dem wunderbaren Brian Blessed, den man vielleicht als Boss Nass aus Star Wars Episode I kennt). Garniert wird das ganze von der wunderbaren Mathilda May als Melissa Banks, die dem ganzen einen guten Schuß Erotik verpasst sowie natürlich den drei Darstellern der Rahmenhandlung: Clive Owen als Lev Arris, John Hurt als Joe, der Barkeeper und Christopher Walken als David Hassan.

Auch ansonsten geizt das Spiel nicht: Rhineheart, der die Wahrheit über Lev kennt, wird von David Warner gespielt (den man z.B. aus Babylon 5 als den Gralssucher, aber auch aus ″Titanic″ oder ″Avatar″ kennt), ebenfalls aus Babylon 5 wie auch aus ″Gesprengte Ketten″ kennt man David McCallum, der nur einen kurzen Gastauftritt im Intro hat.

Zusammengehalten werden Spiel und Universum von einer sich ständig erweiternden Datenbank, die sogar jedes einzelne Schiff, dem man im Laufe seiner Zeit dort begegnet, verzeichnet und das neben den Figuren auch über jeden Planeten ein kleine Geschichte zu erzählen weiß.

Alles in Allem wird man in ein Universum voller skurriler und liebenswerter Gestalten geworfen, das sich rundherum perfekt zusammenfügt und mit seinen über 100 Nebenmissionen gut ein halbes Jahr beschäftigen kann. Absolut ein Lieblingsspiel.

Links:

Liste aller Darsteller in Privateer 2
Privateer 2 Homepage
Privateer 2 Wikipedia

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Brauchen wir eine radikale Bankenreform?

Als basisdemokratische Partei befragt die SPD von Zeit zu Zeit Mitglieder und Bürger nach ihrer Meinung. Nun gibt es ein neues Online-Voting der Bundes-SPD zur Frage:

Brauchen wir eine radikalere Bankenreform?

Abstimmen kann jeder Bürger auf dieser Seite:

http://www.spd.de/spd-webapp/servlet/segment/spd/aktuelles/News/74384/20120723_bankenzerschlagung_voting.html

Bin mal gespannt, was da rauskommt.

Fundstück der Woche (31. KW): Monsanto auf Deutsch

Mal ein paar faszinierende Inhalte über die Seilschaften der Gentechnikfirmen…

Hurrah, Hurrah, Olympia!

Ist es nicht schön? Kaum ist die Fußball-EM zuende und dasMedienprogramm hat sich wieder halbwegs normalisiert, schon kommt das nächste „Großereignis“ und belegt wieder in sämtlichen Gazetten und Öffentlichen-Rechtlichen Rundfunksendern den ersten Platz: Diesmal geht es um die Olympischen Spiele.

Bitte, ich bin kein Gegner von Sport, nicht einmal von als Sport getarnten Werbeveranstaltungen bei denen eine Pharmafirma gegen die andere laufen lässt. Im Grunde gönne ich diese Spiele auch gerne all jenen, die sich das antun möchten, solange ich es halbwegs schaffe, davon verschont zu bleiben. Da ich keinen Fernseher habe, mag mir das sogar einigermaßen gelingen.
Aber man liest dann doch faszinierendes: Damit die Sportler der ganzen Welt in Ruhe um die Wette laufen können, müssen 1,3 Milliarden Euro für die Sicherheit aufgewendet werden, 16.500 Soldaten und 9.500 Polizisten sichern die Spiele ab. Pannen hin oder her – das ist ein gigantischer Aufwand. Alleine das staatliche Sicherheitspersonal ist also zahlreicher als beispielsweise die Bevölkerung von Lindau am Bodensee mit knapp 24.800 Einwohnern. Nimmt man nun noch die zugesagten 7.000 privaten Sicherheitsleute dazu (auch wenn das fraglich sein dürfte), ist man alleine da bei 32.000 Mann – ohne die ganzen Leute bei Zoll und Grenzsicherheit.
Der Aufwand ist natürlich gerechtfertigt: Wenige Tage nachdem London 2005 den Zuschlag zur Ausrichtung der Spiele erhalten hatte, gab es die verheerende Anschlagserie in der Stadt. Und dann denke man nur an München 1972, als Jassir Arafat den Befehl gab während der Friedensspiele israelische Sportler zu ermorden. Später gab’s dann den Friedensnobelpreis.

Tatsächlich ist das auch so ein Wendepunkt gewesen. In Montreal 1976 waren statt der Polizei bereits um die 17.000 Soldaten im Einsatz, das zog Kreise. Die olympischen Spiele, eigentlich ein Friedenssymbol, sind derart militarisiert, daß es eigentlich immer mehr zu einer Messe für Sicherheitstechnik und Terrorabwehr mit angehängter Sportveranstaltung wird.

Schade. Denn das, was sie eigentlich ausmachen, den sportlichen Wettkampf, tragen sie angesichts der Anabolika-Athleten auch kaum noch nach außen. Warum sich also den Mist dann antun?

Pietät? Nee…. lieber Auflage.

Daß mittlerweile annähernd jede militärische Auseinandersetzung der deutschen Presse Anlaß bietet, „Klickstrecken“ und Bildersammlungen zu unvorstellbarer Not und Elend zusammenzustellen, ist ja nichts neues mehr. Interessant fand ich heute morgen allerdings den Umgang der Münchner Zeitungen mit Verkehrsunfällen:

Die TZ bietet einen „Rumms-Atlas“. Erfreut besonders die, die dann durch eine Scheibe „rummsen“.

„München, wo es blitzt und kracht“ Ja, genau…

Ob TZ oder AZ – so richtig will mich das nicht zum Kauf animieren. Nun geht es bei der Geschichte eigentlich um die Stellen in der Münchner Innenstadt, die besonders gefährlich sind. Eine wichtige Sache, die Journalisten auch berichten sollten. Aber so?
Nun ist es nicht so, als wären die Münchner Boulevardszeitungen geneigt, besonders geschickte Verknüpfungen ihrer Artikel zu liefern:

Von der Medienberichterstattung – und der Realität

Im journalistischen Alltag unserer Republik ist ein gewisser Hype um ein Faktum stets eine Begleiterscheinung, die man nicht vermeiden kann. Ich habe ja schon davon berichtet, wie seltsam die Berichterstattung rund um die Wahl in Schleswig-Holstein ist. Nun machen wir mal noch Nordrhein-Westfalen.

In Schleswig-Holstein wurde die FDP mit der Botschaft, das annähernd beste Ergebnis ihrer Geschichte dort abgeliefert zu haben, begrüßt. Das war gelogen und ist in der Medienberichterstattung seinerzeit auch völlig untergegangen. Die FDP hatte in Wahrheit die Hälfte ihrter Wähler verloren, lediglich die Tatsache, daß kaum noch einer zur Wahl gegangen war hatte dafür gesorgt, daß die Partei über die 5%-Hürde gerutscht ist; Ein weiteres Indiz dafür, daß hohe Wahlbeteiligungen am ehesten radikale Parteien aus den Parlamenten halten.

Alle Zahlen zu Schleswig-Holstein können Sie hier finden.

Nordrhein-Westfalen
Interessanter ist nun der Vorgang in NRW. Die SPD hat dort einen sehr personenzentrierten, aber auch teilweise recht peinlichen Wahlkampf erfolgreich geführt.

Hier ist es ein wenig anders.
Die SPD hat real 309.627 Erststimmen und 374.342 Zweitstimmen hinzugewonnen. Bei einer leicht gestiegenen Wahlbeteiligung (nur noch 59,6% gingen überhaupt hin!) führte das zu einer Anteilssteigerung um 3,8% auf 42,3% bei den Erststimmen und um 4,6% auf 39,1 bei den Zweitstimmen.
Die CDU verliert 437.775 Erst- und 631.067 Zweitstimmen. Das sind Verluste von 5,8% bzw. 8,3% und diese trugen maßgeblich zum Sturz von Röttgen bei, der Angela Merkel vermutlich gar nicht so ungelegen kam.
Die FDP schließlich gewannt bei dieser Wahl real Stimmen hinzu: 8.798 Erststimmen und 147.742 Zweitstimmen (!). Der Anteil liegt damit bei den Zweitstimmen bei 8,6%. Ob das der Lindner-Effekt war oder ein Bonus durch abgewanderte, frustrierte CDU-Wähler, sei mal dahingestellt.

Blickt man in die Wahlergebnisse seit dem zweiten Weltkrieg, so liegt das Ergebnis der FDP im oberen Mittelfeld.

Diese Datei und die Informationen unter dem roten Trennstrich werden aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden.

Diese Dateiwird aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden.

Im Gegensatz zur Berichterstattung rund um Schleswig-Holstein (siehe unten nochmal) ist also hier tatsächlich eine Steigerung des FDP-Ergebnisses festzustellen.

Das beste realitive Ergebnis haben übrigens die Piraten zu verzeichnen: 547.122 Erststimmen und 487.911 Zweitstimmen haben sie dazugewonnen. Das entspricht einem Anteil von +7% bzw. +6,2%. Verloren haben hingegen vor allem die Linkspartei und nicht so kräftig die Grünen.

All das lässt sich natürlich anhand der Prozente ausdrücken, aber die realen Stimmenzuwächse und -verluste sind es doch, die eigentlich interessant sind. Zudem fehlt auch hier in der Medienberichterstattung komplett der Hinweis darauf, daß die Mehrheit von Rot-Grün zwar durch 50,4% der Wähler, aber nur durch 29,66% aller Wahlberechtigten erreicht wurde. Wenn nicht einmal 30% aller Wahlberechtigten eine Regierung wählen – kann man dann eigentlich wirklich von Demokratie (Mehrheit beherrscht Minderheit) sprechen?

Ich habe oftmals den Eindruck, daß die Parteien im Anschluß an die Wahlanalyse hauptsächlich die Frage stellen, wie man den eigenen Anteil in der Wählerschaft erhöhen kann; egal wieviel kleiner diese Wählerschaft wird. Nur ist es halt nicht mehr sonderlich demokratisch, wenn halt nur noch 20.000 Wähler hingehen und 13 Millionen daheim bleiben. Zumindest solange nicht, solange die Politik die Nichtwähler aus dem Wahlergebnis einfach herausrechnet. Würde man die Zahl der Sitze einfach der Wahlbeteiligung anpassen – bei 60% Wahlbeteiligung gibt’s einfach auch nur noch 60% der Sitze zu verteilen – wären die Mehrheitsverhältnisse gleich, aber die sinkende Wahlbeteiligung würde auffälliger werden und die Politik zum handeln zwingen.

 

Zum Vergleich eine kleine Wiederholung aus meinem oben zitierten Schleswig-Holstein-Artikel:

In Schleswig-Holstein schafft die FDP den Einzug ins Landesparlament, sogar mit dem zweitbesten Ergebnis ihrer Geschichte. Das ist wohl auch nicht verwunderlich, wie Wolfram Müller schreibt, aber man sollte das Ergebnis auch nicht so hoch hängen. Kubicki bläst schon wirklich lange gegen die FDP-Bundesspitze und wird in Medien immer gern als “FDP-Rebell” (Ob bei Spiegel Online, Welt oder Bild) beschrieben, was dem Wähler natürlich gefällt. Ich glaube, daß die Menschen in S.-H. da eher Kucicki als FDP gewählt haben. Auch wenn die Medien wieder kräftig anschieben (Sogar der Deutschlandfunk!) würde ich mal vorsichtig abwarten, ob die Wahl in NRW davon ernsthaft beeinflußt wird.
Mehr Sorgen macht mir – neben dem schwachen Wahlergebnis für SPD und Linkspartei – die mieserable Wahlbeteiligung. Nur 60,1% gingen überhaupt noch zur Wahl. Die SPD konnte immerhin 1.300 Erststimmen mehr als 2009 verbuchen, die CDU verlor praktisch 100.000 Erst- und noch einmal soviele Zweitstimmen. Hier hat die SPD knapp 4.000 Stimmen mehr zu verzeichnen. Die geringe Wahlbeteiligung dürfte Hauptverursacher sein, daß die FDP trotz eines Verlustes von 101.600 Zweitstimmen (!) ihr “Zweitbestes Ergebnis der Geschichte” verzeichnen darf. In Wahrheit hat sie die Hälfte ihrer Wähler verloren.
Blickt man in die realen Zahlen (Alle der Veröffentlichung des Statistikamtes Nord zu entnehmen) so stellt man anhand des Zweitstimmenergebnisses fest, daß die einzigen Parteien, die Stimmen hinzugewonnen haben, die SPD (+3.860) und die Piraten (+79.903) sind. Alle anderen haben Stimmenverluste zu verzeichnen. Das spricht Bände über unser Wahlsystem – und Bände über unsere Politiker, die sich am Wahlabend so ziemlich alle auf die Schultern klopften. Über die Journaille, die das ebenfalls geflissentlich übersieht, sollte man lieber kein Wort verlieren.

Also doch…. das Wahlrecht ist ungültig.

Die Linkspartei hat es kaum überrascht, SPD und Grüne sowie der „Verein für mehr Demokratie e.V“ jubeln: Wie mich grad die Eilmeldung der Sueddeutschen in Kenntnis setzt, hat das Bundesverfassungsgericht das von Schwarz-Gelb in panischer Eile gegossene Wahlgesetz wieder kassiert. Nun wird es spannend, weil eigentlich ist nächstes jahr im September Bundestagswahl….

Worum geht es eigentlich? 2008 hat das Bundesverfassungsgericht das bisherige Wahlrecht kassiert wegen der sogenannten „negativen Stimmgewichtung“. Das funktioniert so: Wegen der Mischung aus Personen- und Verhältniswahlrecht kann es passieren, daß eine Partei mehr Sitze erhält, als ihr von den Stimmen her zustünden. Wenn eine Partei mehr direkt gewählte Abgeordnete erhält als Listenabgeordnete durch Zweitstimmen, gibt es Überhangmandate. Dank der Aufsplittung in Landeslisten ist das nun sogar wahrscheinlicher. Denn nun kann auch folgendes passieren:

Eine Partei erhält genauso viele Stimmen wie eine andere, aber mit unterschiedlicher Gewichtung in den einzelnen Ländern. Gewinnt nun diese Partei, sagen wir, 100 Sitze im Bundestag, so werden diese zuerst mit den Direktmandaten besetzt, anschließend auf den jeweiligen landeslisten aufgefüllt. Sagen wir, der Partei ist es gelungen, in jedem der 16 Bundesländer 5 Direktmandate zu erringen (was 80 Sitze ausmacht), die übrigen Sitze werden entsprechend der Anteile an Zweitstimmen nun durch die Landeslisten aufgefüllt. Jetzt kommt aber der Clou: Wenn die Partei weniger Zweitstimmen erhalten hätte, so daß, sagen wir im Bundesland Bayern nur 4 Sitze auf der Landesliste zusammengekommen wären, aber die Gesamtzahl der Stimmen nicht einen (oder mehrere Sitze) gekostet hätte, wären es immer noch 100 Sitze und die Partei bekäme einen zusätzlichen Sitz auf einer anderen Landesliste. Sind aber 5 Direktmandate in Bayern auch durch, so entsteht hier ein Überhangmandat, weil direkt gewählte Abgeordnete immer in den Bundestag einziehen dürfen. Das bedeutet, daß weniger Zweitstimmen in Bayern einen zusätzlichen Sitz einbringen würden – und das nennt man „negatives Stimmgewicht“.
(Schön erklärt am Beispiel der SPD Bremen hat Martin Fehndrich das in Spektrum der Wissenschaft)

Das neue Urteil nun fordert den Bundestag auf, binnen eigentlich eines halben Jahres, besser noch etwas fixer, ein neues Wahlrecht auf die Beine zu stellen. Etwas fixer deswegen, weil es ein wenig kompliziert sein dürfte für die Parteien, ohne eine gültiges Verfahren ihre Kandidatenlisten und dergleichen aufzustellen – das geschieht mittlerweile mit gut einem Jahr Vorlauf. Ein Wahlkampf muß ja vorbereitet sein und wer eigentlich wo kandidiert muß auch legitim und demokratisch bestimmt werden.

Die Opposition freut sich, denn die Regierung braucht ihre Stimmen für die Änderung – das Wahlgesetz zu ändern erfordert in beiden Häusern eine 2/3-Mehrheit. Und da wird es nun spannend, was soll denn gemacht werden?

Ideen und Umsetzung
Bei etwa 600 Sitzen gibt es folgendes Problem: Wenn eine Partei 1/3 oder weniger Zweitstimmen kassiert ( also ca. 200 Sitze), aber mehr als 2/3 der Direktmandate (also 400 Sitze), was soll man da dann machen?

  1. Man wirft direkt gewählte Abgeordnete nach dem Losverfahren raus, weil die Zweitstimmen bei 600 Sitzen nur 200 erlauben. Voila, das Zweitstimmenverhältnis passt.
  2. Man lässt die gewählten Vertreter ins Parlament und lebtmit der Verschiebung der Prozente. So geht das im Augenblick, und das hat das BVG bereits kassiert…
  3. Man schafft Ausgleichsmandate und erhöht die Zahl der Sitze bis das Zweitstimmenverhältnis stimmt. Je mehr kleine Parteien ins Parlament kommen, desto wahrscheinlicher ist die Erhöhung der Mandate. Das Ergebnis sind die berühmten „Klappstuhlparlamentarier“, wie es sie mal in der Linksfraktion gegeben hat. Nebenbei vergrößert sich so das Parlament von derzeit knapp 600 auf eine ziemlich unüberschaubare (und zu bezahlende) Menge von Abgeordneten.
  4. Die letzte Idee wäre, man trennt Direktmandate und Listenplätze. Erststimme = 300 Direktkandidaten, Zweitstimme gleich 300 Listenplätze. Mehr als 600 Abgeordnete würde es so nicht geben. Aber: Das bevorzugt Parteien mit vielen Direktkandidaten (bei der letzten Wahl hätte es CDU/CSU und SPD in Relation zum Wahlergebnis bevorzugt, da sie grundsätzlich viel mehr Direktkandidaten durchbringen als die kleineren Parteien). Jede Partei, die weniger als 50% der Mandate über Direktmandate errungen hat verliert. Interessant ist das Problem Bayern, da die CSU nicht bundesweit, die CDU nicht in Bayern kandidiert und sich von daher bei der Verrechnung der Zweitstimmen plötzlich nicht mehr nützen, sondern gegenseitig schaden würden.
    Allerdings machen da die kleineren Parteien nicht mit: Die Linke hatte 16 Direktkandidaten von 76 Abgeordneten. Die Grünen haben nur einen einzigen Direktkandidaten durchgebracht, die FDP keinen einzigen. Diese Parteien hätten bei halbierten Listenplätzen effektiv nur noch die Hälfte der Abgeordneten.

Das Trennen von Listen- und Direktmandaten hat allerdings auch den Nachteil, daß sich das Zweitstimmenergebnis, also das der Verhältniswahl, nicht mehr vollständig im Parlament widerspiegelt, was gerade die Verfassungrichter noch einmal betont verlangt haben. in der gesamten Bundesrepublik gibt es 299 Wahlkreise für den Bundestag, die Kreise 213-257 (Also 45 Stück) liegen in Bayern. Nun würden also 45 bayerische Abgeordnete gestellt werden, schon stellt sich die Frage: sind das nun 22 direkte und 23 Listenkanditaten oder wie? Nächste Frage: Wenn die CSU hier alle Direktkandidaten holt (was realistisch ist), SPD und Grüne aber im Verhältnis drei Listenabgeordnete stellen – schont oder nützt die CSU dann der gemeinschaftlichen Fraktion mit der CDU? Ist die dann überhaupt zu halten?

Die Änderung des Wahlrechts wird – und das ist gewiß – wenn sie endlich verfassungskonform ist auch eine Menge Änderung in den politischen Verhältnissen im Land bedeuten. Aber das will ja nun kein Politiker, oder?