Von den Helden unserer Zeit – und ihrem Sturz.

Für viele ist Felix Baumgartner ja ein ganz großer Held. Stürzte er sich doch auf über 39 Kilometern Höhe für einen Getränkehersteller aus einer Kapsel und erreichte Überschallgeschwindigkeit. Daß es sich dabei tatsächlich um eine beeindruckende Leistung handelt ist unbestritten, auch daß es die wahrscheinlich teuerste und größe Werbeaktion für einen Gummibärchensaft war.

Der Sprung war eine große Leistung – nur was danach so alles kam wirft Zweifel auf. Zweifel beispielsweise an einem allgemeinen Wahlrecht, nachdem der Postillon einen satirischen Artikel veröffentlich hatte, in dem behauptet wurde, daß der Sprung wegen des Übertretens einer Linie für ungültig erklärt wurde, brach ein regelrechter Shitstorm los, bei dem sich eine Menge Leute unglaublich aufregten – und bei der Vorstellung, daß so jemand auch wählen darf wird es einem schon ein wenig schummrig zumute.

Felix Baumgartner offenbar auch. Denn wie der Science-Blog Astrodicticum Simplex schreibt, fühlt sich Baumgartner in einer Demokratie offenbar recht unwohl und wäre lieber für eine „gemäßigte Diktatur“.  Das Interview habe ich inzwischen gefunden – und er sagt das dort anscheinend wirklich so:

Ist ein Wechsel in die Politik eine Option für Ihre Zukunft?
FELIX BAUMGARTNER: Nein, man hat das am Beispiel Schwarzenegger gesehen: Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, sie sich wirklich auskennen.

Hm… also abgesehen davon, daß nicht wenige längst eine Diktatur der Privatwirtschaft konstatieren ist diese Aussage schon ziemlich krass. Eine Diktatur, egal was denn nun eine „gemäßigte“ Diktatur sein sollte, ist eine Herrschaftsform, die letztendlich auf Unterdrückung von Freiheit und Leben beruht.

Die Vorstellung, daß Leute aus der Privatwirtschaft herrschen, also quasi dem Eigeninteresse verpflichtet über alle anderen gebieten, ist eine ziemlich schreckliche. Schon jetzt dürfte man davon ausgehen, daß bedingt durch den massiven Einfluß (Stichwort: Lobbyismus) auf so ziemlich alle politischen Strukturen, kaum eine wirkliche Demokratie herrscht. Blickt man nach Amerika, wo sich Politik zu machen oftmals nur noch sehr reiche Menschen leisten können, könnte man glatt von einem Übergang zur Oligarchie sprechen.

Egal, ob man nun eine Autokratie aus seinen Worten herauslesen möchte, oder eine andere Form der Diktatur, die Vorstellung daß quasi die FdP als alleinige Partei nach chinesischem Vorbild herrscht, ist mir ein echter Graus. Schon die Ideologie dieser Vertreter der Privatwirtschaft, „jeder ist sich selbst der nächste“ bzw. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, der letztendlich zu einer Ochlokratie führen würde, ist völlig daneben.

Was auch immer man von Baumgartner und seinem wissenschaftlich unbrauchbaren Fall halten mag: Sein Sturz hat anscheinend gerade erst begonnen.

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Zombie, Zombie, Zombie

Jenseits des politischen Alltags ist auch unsere Kultur etwas, das gefühlt sich einem Verfall nähert, den man zwar nicht wirklich messen kann, auch wenn Versuche unternommen werden (Sprachverfall, Kulturpessimismus, sterbende Museen und Konzerthäuser), aber den wir mit unseren Vorfahren teilen, die ebenfalls davon überzeugt waren, den Glanz der alten Zeiten nicht mehr erreichen zu können.

Zum Verfall maßgeblich beitragen soll wohl vor allem der Film, eine ziemlich blödsinnige Behauptung, auch wenn die durch den Film transportierten Behauptungen manchmal eine ordentliche Durchschlagskraft entfalten. Ein schönes Beispiel ist die 2012-Panik, die sich immer wieder auszubreiten droht und der nicht nur Esoteriker, sondern auch andere, eher normal gepolte Menschen anheim fallen oder entsprechende Behauptungen ungeprüft wiedergeben, allen Gegenargumenten zum Trotz.

Derzeit grassiert eine gewisse Welle von Zombie-Filmen durch Film, Funk und Fernsehen und auch die Zombie-Bücher werden irgendwie drastischer. Bevor ich darauf eingehe muß ich allerdings eines zugeben: Ich mag Zombiefilme. Ich mag die eigentlich immer gleiche Geschichte, die erzählt wird und schätze auch die Konsum- und Kulturkritischen Aspekte eines gut gemachten Streifens. Ebenso sind manche Zombiefilme wirklich brillant inszeniert und warten seit einiger Zeit auch mit ziemlichen Hollywood-Größen auf, die beispielsweise Will Smith, der mit „I am Legend“ bereits die vierte Verfilmung des Stoffes ziemlich gelungen umsetzte. Allerdings ist die Sache mit der Hollywood-Größe nicht unbedingt etwas seltenes, ganz besonders bei diesem Stoff: In „The Last Man on Earth“ von 1964 spielte die Hauptrolle immerhin Vincent Price, den manche vielleicht aus Edward mit den Scherenhänden kennen, die nächste Verfilmung, „Der Omega-Mann“ (1971) wurde mit Charlton Heston besetzt, auch nicht gerade irgendwer. Die unbekannteste Rollenbesetzung dürfte die zweite Verfilmung von 2007 sein, „I am Omega„, bei der Mark Dacascos die Hauptrolle spielte und der auch am weitesten von der Vorlage abweicht. Zu Dacascos habe ich ein zwiespältiges Verhältnis, weil ich die meisten seiner Filme ziemlich gern habe (unvergessen: Crying Freeman, die Serie zu the Crow und Pakt der Wölfe) und finde, der auch gut darin spielt, er aber zeitgleich letztlich immer dieselbe Rolle angeboten bekommt so daß man nie so recht weiß, ob er als Schauspieler eigentlich mehr kann. Ebenfalls im Jahr 2007 kam dann eben dazu die Verfilmung mit Will Smith.

Durch die wirklich phantastisch gemachte Serie „The Walking Dead“ ist das Thema nun endgültig wieder im Mainstream angekommen und wird, ähnlich wie die durch die Twilight-Bücher ausgelöste Vampir-Welle sich vermutlich noch ein oder zwei Jahre halten bevor das nächste kommt.

Zombie-Streifen gibt es in zweierlei Kategorien was die Machart angeht, und auch in zweierlei was die Story angeht. In jedem Fall handelt es sich meistens um ein Endzeitszenario bei dem ein nicht unerheblicher Teil der Menschheit, oder zumindest der lokale Teil der Menschheit drastisch dezimiert ist und die Überlebenden sich in einer Überlebenssituation wiederfinden, die sowohl verschiedene soziale Spannungen in der Gruppe, als auch verschiedene Entscheidungsmomente ethischer und moralischer Natur erzwingt. Beispielsweise muß die Grupppe manchmal einen Charakter opfern, um den Rest zu retten.

Letztendlich erzählt nahezu jeder Zombiestreifen mehr oder weniger diese Handlungselemente, manchmal mit unterschiedlichen Schwerpunkten.  Was ich vorhin mit den Kategorien meinte, ist schnell erklärt: Zombie-Filme waren immer Teil der Splatter-, manchmal auch der Gore-Filme und waren in der Regel nur für ein kleines Publikum gemacht. Die Schauspieler waren im besten Fall zweitklassig, das Drehbuch auch und die einzige echte Investition waren die Filmtricks, die allerdings zum Teil beeindruckend gut aussahen.
Der Großmeister dieser B-Movies ist und bleibt eindeutig George A. Romero, der mit den reinen Gore- und Terrorfilmen wie „Saw“ oder „Hostel“ nicht viel anfangen kann. In einem Interview mit der New York Times sagte er: “I don’t get the torture porn films, they’re lacking metaphor. For me the gore is always a slap in the face saying: ‘Wait a minute. Look at this other thing.’ ” (Quelle) (Übersetzung: „Ich verstehe die Folter-Porno-Filme nicht, die haben doch keine Metapher. Für mich ist Gore immer ein Schlag ins Gesicht, der sagt: ‚Warte mal ’n Moment. Schau auf diese andere Sache.‚“)
Eine ganz andere Sache sind die Zombiefilme, die mit großem technischen Aufwand A-Niveau zumindest in Produktion und Vermarktung erreichen und das Zombie-Thema damit in die Kinos kriegen, wo es sich auch tatsächlich massenhaft Leute ansehen. Die besten Beispiele für die Art sind „I am Legend“ mit Will Smith und „Dawn of the Dead„, das Remake von Zak Snyder, der einen Romero-Film noch einmal drehte.

Die Handlung ist in aller Regel vorhersehbar, aber von unterschiedlicher Qualität. Der Zombie-Vorfall ereignet sich entweder in Amerika oder aber in einer irgendwie recht abgelegenen Gegend, die Hauptpersonen bekommen nicht immer den Anlaß mit, wohl aber die Auswirkungen und finden sich schließlich zusammen um zu versuchen, als Gruppe zu überleben. Meistens verschanzen sie sich irgendwo und werden dann genüßlich einer nach dem anderen dezimiert. Für die Gruppe ist es immer wichtig, daß bestimmte Rollentypen besetzt sind; So gibt es einen starken Kämpfer, einen unsicheren Verlierer, der in der Überlebenssituation über sich hinauswächst, einen Verräter und einen, der schon gebissen ist, aber darüber aus Angst um sein Leben schweigt. Meistens sind noch eine oder einige hübsche Frauen dabei und die eine oder andere männliche Komponente, deren Hauptzweck aber mehr darin besteht im Verlauf der Handlung mehr oder weniger melodramatisch unterzugehen.

Was ich mit zwei Kategorien von Story meine ist, daß die einen Filme sich hauptsächlich um das Niedermetzeln von Zombies und/oder der Gruppenmitglieder drehen und im großen und Ganzen stinklangweilig sind. „House of the Dead“ wäre so ein Machwerk, bei dem zwar Jürgen Prochnow mitspielt, das aber ansonsten unterirdisch schlecht besetzt und gespielt ist. Gut, das ist ein Film von Uwe Boll, so what?

Die andere Kategorie von Story nutzt das Umfeld der Handlung zu einer Charakterstudie. Das Verhalten der Figuren, ihr Bezug zu grundsätzlichen gesellschaftlichen Werten und zueinander wird anhand der Überlebenssituation auf den Prüfstand gestellt und oftmals scheitert die Menschlichkeit am Überlebenswillen. Derartige Filme, wie es Dawn of the Dead zum Beispiel ist, benutzen den Splatter und Gore mehr um die Situation extremer darzustellen und so mögliche Handlungen zu erklären. Manchmal gehen diese Filme aber auch gründlich schief, wie der unterirdische „City of the Dead“ beweist: Eine eigentlich ziemlich nette Idee, statt der üblichen Figuren mal zwei Drogendealer-Gangs, Polizisten und einige „normale Leute“ in das Szenario zu bugsieren, geht dank der fürchterlichen Schauspieler und der noch schlechteren Regie völlig ein; Da macht es auch nichts mehr, daß die Autoren des Drehbuches sich auch einen anderen Beruf suchen sollten.

Das wiederum macht die Serie „The Walking Dead“ zu so etwas besonderem: Da das Serienformat viel eher erlaubt, Charaktere und Charakterentwicklungen darzustellen, können sich die Schauspieler auch wirklich Zeit für ihre Figuren nehmen, die dann auch entsprechend detailliert und gelungen rüberkommen. Vor dem Hintergrund der untergagangenen Welt werden hier die vermeintlich üblichen Dreicksbeziehungskisten und Freundschaftsgeschichten erzählt, bekommen aber durch die Bedrohung und die Neigungen der Figuren (auch hier mischen sich „normale“ Zivilisten mit Polizisten und Kriminellen) eine deutlich interessante Perspektive. Insbesondere die überaus ehrliche Neigung der Regisseure, mit ihren Figuren keinesfalls zimperlich umzugehen macht die Serie spannend wie kaum eine andere zuvor, weil im Gegensatz zum sonst so üblichen nie klar ist, ob und wenn ja welche Figuren am Ende der Folge noch leben.

Eine andere Art, aber Qualitativ wirklich verdammt gelungen ist der Film „Night of the Living Dead„, ebenfalls ein Romero. Hier schließt sich die Gruppe der Überlebenden in einem Farmhaus ein und letztendlich eskaliert die Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe, daß am Ende nur eine einzige Figur überlebt. Doch als dieser schon die Rettung in Form der Bürgerwehr nahen sieht, wird er am Ende des Films von seinen Rettern erschossen. Lohn der Angst.

Zombie-Filme haben, wenn sie gut gemacht sind, auch gewisse Gesellschafts- und Konsumkritik in sich stecken, so ist der Schauplatz von „Dawn of the Dead“ ein Kaufhaus, zu dem sich die Zombies noch immer hingezogen fühlen und auch bei „28 Days later„, eine ziemlich gelungenen britischen Verfilmung, spielt der Besuch in einem Supermarkt eine zentrale Rolle; Es sind die glücklichsten Momente der Gruppe. In „Land of the Dead“ hat sich die Menschheit in einen ziemlich sicheren Turm zurückgezogen und dort die alte Hackordnung von bestimmenden Reichen und machtlosen Armen wiederaufleben lassen – was auch letztendlich in die Katastrophe führt.
Der Stoff von „I am Legend“ beinhaltet eine interessante Perspektive: Der Überlebende, Robert Neville ist im Grunde Legende, denn er ist ein Relikt einer alten Gesellschaft, die nach der Übernahme der Welt durch die Zombies (oder die Vampire im originalen Buch) überflüssig ist. Die Zukunft der Menschheit liegt eben im Zombie-Dasein und das Heilmittel, das Neville entwickelt, ist für diese Welt eine Bedrohung.

Bücher
Im Bereich Romane haben sich in den letzten Jahren einige neue Entwicklungen ergeben. Seit 2003 erscheinen mehr oder weniger regelmäßig neue Romane des Autors Brian Keene, der letztendlich verschriftlichte Splatterfilme schreibt, und das ziemlich drastisch. Auf Deutsch sind noch nicht alle erschienen, aber sie alle zeichnet eine ziemlich kompromißlose Sprache und eine sehr einfache Figurenzeichnung aus. Was sie dennoch lesenswert macht ist die Rückkehr zu den Traditionen der Zombie-Apokalypsen.

Die ersten Zombiestreifen gingen immer von einer Art religiösem Wiederauferstehen aus, mithin eine in fast jeder Zivilisation vorherrschende Angst, daß die Toten eines Tages zurückkehren, um sich an den Lebenden zu rächen. Manchmal wurde das mit Vodoo vermischt, manchmal wird es auch gar nicht erklärt. Nach und nach haben sich eher technische Ursachen als Erklärung für die Zombieseuche durchgesetzt, schiefgegangene Experimante des Militärs oder – seit Resident Evil sehr en vogue – skrupellose Firmen, die die Zombieseuche als Biowaffe entwickelt haben.

Keene nun lässt die Zombies auferstehen als Siqqusim, Dämonen die einen Körper benötigen um auf die Erde zurückzukehren. Sie wurden dereinst von Gott verbannt und wollen nun die Erde zurückerobern. Sie sind unsterblich – die Dämonenseele fährt einfach wieder zurück in die Hölle wenn der Körper getötet wird und bleibt dort, bis ein neuer Körper „frei wird“. Am Ende gewinnen sie auch. („Auferstehung“ und „Stadt der Toten“)
Ein anderer Roman, „Totes Meer“ ist sogar noch ein bißchen boshafter: Die Geschichte spannt sich rund um die Überlebenden, die auf einem Schiff das Weite suchen, weit weg von gefährlichen Menschen, die sie beißen könnten. Bis sie, naja, einen Fisch an Bord ziehen….

Keene schreibt aber nicht nur Zombieromane. Der Roman Darkness on the Edge of Town (deutsch: Am Ende der Strasse) von 2008 erzählt eine ähnliche Geschichte wie Stephen Kings Roman „Die Arena“ von 2009 – eine Stadt wird abgeschlossen durch eine unvorstellbare Kraft und das Gesellschaftssystem bricht zusammen. Im Gegensatz zu King ist Keene nun kein Meister der raffinierten, psychologisch genialen Figurenzeichnung, aber der Roman baut trotzdem eine hinreichend schöne Stimmung auf.

Warum erzähle ich das alles?
Hm, gute Frage. Ich bin während meiner Suche nach einem schönen neuen Fundstück der Woche zufällig über einen Trailer gestolpert, der einen Film namens „Decay“ bewirbt. Schon das erste durchgucken offenbart den Film als Unsinn, gepaart mit einem Versuch, die Resident Evil Filme zu kopieren. Aber über eines mußte ich dann doch schmunzeln: Der Film benutzt die Panikmache, die rund um den LHC im CERN gemacht wird (hier kann man sich diesbezüglich gerne amüsieren) und die Zombies – kein Witz – sollen durch „Higgs-Strahlung“ verursacht werden. Die Idee ist so dämlich, das muß ich mir ansehen. Hier, zum Abschluß, der Trailer:

Fundstück der Woche (43. KW): Zustände im Parlament

Wenn die von der Leyen lügt regen sich die Grünen auf. Und Gregor Gysi spricht ein wirklich gelungenes Fazit.

Vom Dativ

Ein jeder weiß heute, daß „der Dativ dem Genitiv sein Tod“ ist; Dative sind also sprachliche Vereinfachungen die weniger Mühe bei der Aussprache machen, als es die Formulierung des Genitivs erfordert. Aber was sind Dative eigentlich und was für Arten von Dativen gibt es? Im Rahmen meiner Büffelei für das Staatsexamen bin ich der Geschichte nachgegangen und habe es hier mal zusammengetragen.

E gibt zwei Lager in der Beschreibungsgeschichte des Dativs: Das eine sieht den Dativ in einer klaren Funktion, in einer einheitlichen Form, das andere unterscheidet verschiedene Dativsorten bzw. Dativkonzeptionen zum Einen auf der syntaktischen, zum Anderen auf der semantischen Ebene.

Semantisch? Ja, in der inhaltsbezogenen Grammatik wird der Dativ quasi als Darlegung des Wesens behandelt, die Grundbedeutung der Kasusform wird untersucht. Glinz beispielsweise unterschied 1952 noch nicht zwischen sogenannten freien Dativen und Dativobjekten. Selbst Brinkmann unterschied den Dativ nur dahingehend, daß er Dative der teilnehmenden Personen und der sinngebenden Personen erkannte, eine recht vage Unterscheidung. Ein Dativ der teilnehmenden Person ist ein freier Dativ, der nicht zum Verständnis des Satzes gebraucht wird, also zum Beispiel: „Er trägt ihr den Koffer.“ Der Dativ „ihr“ ist nicht unbedingt nötig, sondern schmückt den Satz aus bzw. verpasst ihm einen größeren Sinngehalt. Ein Dativ der sinngebenden Person ist, laut Brinkmann, ein Dativ, der eine Person beschreibt, welcher sich das Geschehen zuwendet. Also wenn ich „jemandem zulache“, dann ist das Geschehen von mir zur anderen Person gegangen.

 

Man könnte Dative strukturalistisch untersuchen, also den Kasus als Teil eines Systems aller Kasus. Dabei gibt es allerdings das Problem, daß man freie Dative nicht einsortieren kann, weil sie systematisch nicht beschreibbar sind. Zwar versuchte Fillmore mit der Tiefenkasustheorie dem zu begegnen, scheiterte aber letztendlich.

Freie Dative
Jetzt habe ich diesen Begriff schon mehrfach benutzt, vielleicht sollte ich ihn nochmal etwas eingehender erklären. Freie Dative sind sowohl semantisch, als auch syntaktisch verbunabhängig, das heißt, sie werden nicht vom Verb regiert. Man kann sie meistens einfach weglassen und trotzdem bleibt der Satz grammatikalisch korrekt, es geht nur eine Information verloren. Es gibt mehrere Typen, die man unterscheiden kann:

  • Der Dativus Ethicus: Drückt eine gefühlsmäßige Anteilnahme aus. „Fall mir bloß nicht auf!“ Heute wird er seltener gebraucht, vielleicht noch bei Ermahnungen, aber im großen und ganzen gilt er als veraltet. Dieser Dativ ist nicht erststellenfähig, man kann ihn also nicht nach vorne stellen.
  • Der Dativus Commodi: Er bezeichnet den Begünstigten einer Handlung. „Peter fährt ihr das Auto in die Garage.“ Dieser Dativ ist erststellenfähig: „Ihr fährt Peter das Auto in die Garage“. Auch dieser Dativ ist prinzipiell weglassbar.
  • Der Dativus Incommodi: Er ist das genaue Gegenteil, bezeichnet also den Geschädigten einer Handlung. Ob man die beiden ernsthaft unterscheiden muß ist eine semantische Frage, keine syntaktische. „Es sind ihm alle Teller heruntergefallen.“, wäre so ein Satz.
  • Der Dativ Iudicantis: Dieser Dativ bezeichnet den Sprecher einer Aussage und verschafft ihr so Gültigkeit. „Das Essen war ihm zu heiß“
  • Der Pertinenzdativ: Er ist ein possessiver Dativ, der in aller Regel bedingt ist. Daher ist er nicht weglassbar weil sonst die Schlüsselinformation des Satzes fehlt. Allerdings ist er erststellenfähig, also betont. „Mir brummt der Schädel“

Das Gegenstück zum freien Dativ ist das Dativobjekt, also der konstitutive Dativ. Er ist erststellenfähig, nominal und pronominal, manchmal weglassbar und kann nicht durch ein Gefüge mit „für“ ersetzt werden. Gemein ist es, freie Dative und Dativobjekte zu unterscheiden, das ist manchmal gar nicht so einfach.

Beispiel: „Ich schreibe ihm einen Brief.“

Das kann jetzt ein Dativobjekt sein: Ich schreibe ihm einen Brief, also an ihn. Dann ist es relevant, weil es den exakten Bezug herstellt.

Das kann aber auch ein Dativus Commodi sein: Ich schreibe ihm einen Brief, also für ihn. Jetzt ist es nicht mehr relevant, ein freier Dativ.

Ich brauche also zur Unterscheidung manchmal den semantischen Zusammenhang, um die syntaktische Funktion festzustellen.

Vom Vokalismus

Sprache und Sprachwissenschaft ist ja eines der Fächer, die so ein bißchen nebenbei laufen und bei denen kaum einer, der nicht daran beteiligt ist, genau sagen kann, welchen Zweck das Ganze eigentlich hat. Ich werde heute und in den folgenden beiden Tagen aus aktuellem Anlaß einiges aus der Sprachwissenschaft darstellen, was dem geneigten Leser vielleicht dabei helfen kann, seine eigenen Studien zu erweitern.

Was, zum Geier, ist „Vokalismus“?

Vokalismus ist, ganz einfach ausgedrückt, der Gesamtbestand der Vokale in einer Sprache. Im Deutschen sind das grundsätzlich nur fünf Stück: a,e,i,o und u. Dazu kommen allerdings Umlaute und Diphthonge, also aus zwei Vokalen bestehende Vokallaute. Wenn man nun im Rahmen der Sprachgeschichte Vokalismus untersucht, dann untersucht man also speziell zwei Bereiche: Den Wandel der Vokale und ihre Häufigkeit im Ausdruck. Das Gegenstück ist übrigens „Konsonantismus“, die Lehre von den Konsonanten.

Was hat sich denn mit den Vokalen so verändert?

Vokale sind eine tolle Sache: Erst sie geben dem Wort wirklich eine Bedeutung und lassen es uns sprechen, denn Konsonanten sind im großen und Ganzen klanglos. Vokale werden aber im Neuhochdeutschen recht einheitlich, in den Dialekten aber recht unterschiedlich benutzt. Das Bayerische beispielsweise verwendet mitunter mehr Vokale für das gleiche Wort: statt „Bruder“ sagt man „Bruada“.

Das ist tatsächlich ein sprachlicher Rest aus den mittelalterlichen Sprachen. Hier muß man sich zunächst eine Sache klar machen: Mittelhochdeutsch ist keine Einheitssprache, die uns irgendwie schriftlich überliefert ist, sondern mehr ein Ausdruck für eine Gruppe von Überlieferungen, denen eine ähnliche Grammatik und Ausdrucksweise zugrunde liegt, die aber dennoch große Unterschiede zueinander aufweisen. Mit Hilfe von Texten und ihrem sprachlichen Ausdruck ist es manchmal möglich, bestimmte Autoren festzumachen, von denen wir andere Texte schon kennen.

Vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche haben sich allerdings einige bestimmte Lautwandlungen vollzogen, von denen ich hier einige überblicksweise behandeln möchte:

  • die neuhochdeutsche Monophthongierung
  • die neuhochdeutsche Diphthongierung
  • die Entrundung der Umlaute und die kombinatorische Rundung
  • Senkung
  • Hebung
  • Dehnung
  • Kürzung
  • Diphthongwandel
  • die Weiterentwicklung des Umlautes
  • Ausgleichserscheinungen
  • die Entwicklung der mittelhochdeutschen e-Laute
  • und schließlich noch den Vokalismus in den Nebensilben.

Puh, ein ganz schönes Arbeitsprogramm. Das wird ein langer Artikel, packen wir’s also an.

Beginnen wir erst einmal mit den grundsätzlichen Fragen der Sprachentwicklung: Es gab vor dem 16. Jahrhundert keine einheitliche Schriftsprache, jeder schrieb, wenn er denn schrieb, so, wie er sprach. Daher geben uns die Texte einen zum Teil recht schönen Aufschluß darüber, wie man wohl früher gesprochen hatte. Maßgeblich zur Vereinheitlichung der Schriftsprache beigetragen hat die lutherische Übersetzung der Bibel, die Verbreitung erfolgte durch den Buchdruck. Nun sprach Luther aber gar nicht Hochdeutsch, sondern Mitteldeutsch, um genau zu sein, Obermitteldeutsch, eine Sprache, die sich im 11. Jahrhundert durch die deutsche Ostsiedelung und die daraus folgende Sprachmischung mit den ansässigen Völkern entstanden ist; Ein Teil dieser neuen Sprache hat auch Eingang in die Schriftsprache gefunden.

Mitteldeutsch? Ja, man unterscheidet Hochdeutsch, Niederdeutsch und Mitteldeutsch und so albern es auch klingt es hat etwas mit der Höhenlage der Wohnung der Sprechenden zu tun. Hochdeutsche Sprachen finden sich im Süden, Niederdeutsche im Norden des deutschen Sprachgebietes. Plattdeutsch ist beispielsweise ein Niederdeutscher Dialekt, sächsisch ist eher Mitteldeutsch und bayerisch ein hochdeutscher bzw. präziser ein oberdeutscher Dialekt. Das Oberdeutsche umfasst das Bayerische (allerdings das Altbayerische) und das Alemannische.

Fangen wir nun also mit den Besonderheiten an. Denn es gibt einige Dinge, die man im Wandel vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen festhalten kann und die uns auch systematisch vorkommen. Man muß sich nur im Klaren darüber sein, daß dieser Wandel nicht eine unmittelbare Weiterentwicklung darstellt, sondern eher punktuell stattfand. Da gibt es verschiedene Theorien, das eine ist die sogenannte Wellentheorie, die besagt, daß die Sprachentwicklung als Monogenese in kleinräumlichen Bereichen begann und sich dann wellenartig ausbreitete, und zum Anderen gibt es da die Entfaltungstheorie, die eine Polygenese behauptet, daß sich also die Sprachentwicklung an mehreren Stellen durchsetzte und viele Kleinräume so letztendlich einen Großraum ergaben.

Beginnen wir nun also mit der neuhochdeutschen Monophthongierung. Alleine das Wort verursacht ja gefühlt schon Kopfzerbrechen. Es bedeutet, daß im geregelten Lautwandel vom Mittel- zum Neuhochdeutschen ein Diphthong wie zum Beispiel „uo“ oder „ie“, das man im Mittelhochdeutschen tatsächlich komplett aussprach, zu einem Monophthong wurde, in den genannten Beispielen oftmals zu „u“ und zu „i“. Das ie ist insofern etwas Besonderes, weil sich die Schreibweise manchmal erhalten hat und das „e“ zu einem Dehnungs-e wird. Sprach man also mittelhochdeutsch „hier ruoft der reke küen“ jeden Buchstaben aus, so sagt man neuhochdeutsch „hier ruft der Recke kühn“. Es gibt eine Vielzahl von Wörtern, auf die dieser Vorgang zutrifft.

Was daran fasziniert ist die Tatsache, daß sich diese Sprachwandlung im Mitteldeutschen Raum, vor allem im Rheinland ausgebreitet hat und beispielsweise im bayerischen nicht angekommen ist. „bruoder“ (mhd.) ist im bayerischen „Bruada“geblieben, nur eine minimale Senkung der Vokale fand da statt.

Das genaue Gegenteil ist die neuhochdeutsche Diphthongierung. Hier wurde aus einem mittelhochdeutschen Monophthong ein Diphthong. Der Monophthong war im Mittelhochdeutschen oftmals ein langer Vokal, was man durch die Schreibweise mit einem Zirkumflex ausdrückte. Den Zirkumflex kennen die meisten wahrscheinlich noch aus dem Französischen, wo er in der Regel den Überrest eines ausgefallenen „s“ darstellt (frz. fenêtre = lat. Fenestra). Im Mittelhochdeutschen zeigt er an, daß ein Vokal lang gesprochen wird. Diese langen Vokale und manche Diphtonge (wie „iu“, das zu „eu“ wurde) werden im Neuhochdeutschen zu Diphtongen: „mîde lûte liute“ wird zu „meide laute Leute“

Kommen wir zu Rundungen und Entrundungen.
Die mittelhochdeutschen Vokale e, i und â werden im Neuhochdeutschen gelegentlich labialisiert, also gerundet. Gerundet heißt, ist wirklich so simpel, mit gerundeten Lippen gesprochen. So wird aus mhd. „helle“ nhd. die „Hölle“, aus „finf“ wird „fünf“, aus „mâne“ wird der „Mond“. Und was ist nun die Entrundung? Nun, der Übergang von gerundeten Monophthongen und Diphthongen zu auf gleicher Zungenhöhe benachbarten, ungerundeten Vordervokalen nennt man Entrundung. Das tritt allerdings nur vereinzelt auf, beispielsweise wird aus dem mittelhochdeutschen „küssen“ im neuhochdeutschen „Kissen“.

Senkung, Hebung, Dehnung, Kürzung
Das Mittelhochdeutsche sprach sich völlig anders aus. Vorhin habe ich ja erwähnt, daß man lange Vokale mit einem Zirkumflex ausstattete – und das bedeutet, daß man alle anderen Vokale mit wenigen Ausnahmen kurz gesprochen hat.

Die neuhochdeutsche Dehnung ist nun der Vorgang, daß ein kurz gesprochenes Wort heute lang gesprochen wird. So sagte man früher „Nibelungenklage“ und sprach dabei den Teil „klage“ wie „klagge“, wird das vielleicht klarer. Manchmal gibt unsere Schreibweise das wieder: Bei „Wiese“ zum Beispiel, was früher unter Umständen „wise“ geschrieben wurde.

Eine Kürzung ist genau das Gegenteil: Hier werden aus langen Lauten kurze. Kürzungen sind wesentlich seltener, da sie nur geschlossene Tonsilben betreffen. Hieß es also früher „hôchzît“ (zwei lange Vokale), sagt man heute „Hochzeit“.

Senkungen und Hebungen sind eine Ausspracheveränderung. Im Mittelhochdeutschen wird das „ei“ beispielsweise fast immer „e-i“ ausgesprochen, also das „e“ bleibt im Laut erhalten. „keiser“ wäre so ein Wort. Das wird im Neuhochdeutschen zu „Kaiser“ gesenkt. Aus „ouge“ wird „Auge“. Vor Nasal-Lauten findet das auch noch einmal statt: Aus „sumer“ und „sune“ werden „Sommer“ und „Sonne“.

Fortsetzung folgt…