Sterben die Spielezeitschriften?

Ich weiß noch genau, wie ich mir mit 13 Jahren eine PC Games kaufte – damals noch mit Cover-Diskette. Die Demo darauf war zu dem Spiel „Aladdin“, Es war meine erste Begegnung mit einer Spielezeitschrift, der ich – mit einer Pause von etwa einem Jahr  – bis heute treu geblieben bin.

Kürzlich fiel mir etwas entnervend auf, daß die PC Games keine Cover für ihre DvD’s mehr beilegt, mit deren Hilfe man sie so angenehm sortieren konnte. Das ließ mich die Frage stellen, ob die Zeitschrift denn irgendwie auf dem absteigenden Ast ist. Schließlich nennt sie sich ja auch nicht mehr „Deutschlands meistverkauftes Spielemagazin.“

Ein Blick in die Wikipedia zeigt mir, daß die drei größten Spielemagazine tatsächlich rapide sinkende Auflagen haben: die PC Games von 363.608 Exemplaren (viertes Quartal 1999) auf 63.384 Exemplare (viertes Quartal 2012), die GameStar von 331.535 Exemplaren (viertes Quartal 1999) auf 94.235 Exemplare (viertes Quartal 2012) und schließlich die PC Action von 157.119 Exemplaren (viertes Quartal 1999) auf 34.980 Exemplare (viertes Quartal 2012).

Nun kennt die Spielemagazinsparte eine Menge „Eintagsfliegen“, die PC Player, die Powerplay, die PC Joker und viele andere…. wobei der Begriff „Eintagsfliegen“ hier ziemlich boshaft ist. Viele dieser Zeitschriften kämpften schwer ums Überleben und das ziemlich lange… und ziemlich kräftig.

Was also könnte der Grund für ihr sterben sein? Vielleicht die Allgegenwart des Internets? Ja, das halte ich für einen ziemlich zutreffenden Grund. Ich gucke mich gerne um und sehe auf meine Ordner mit den gesammelten Komplettlösungen zu Computerspielen. Gibt es schon ewig nicht mehr in der Zeitschrift, alleine schon weil das Internet davon fast überquillt. Cheatseiten? Liebevoll gesammelt, heute überflüssig. Schon das Mitbringsel der Demoversionen neigt zum Quatsch, nachdem man das Zeug auch problemlos vom Hersteller downloaden kann.

Bleiben die beiden einzigen echten Zwecke, zu denen man derartige Zeitschriften noch braucht: Der Werbeeffekt… und die Werbung. Das ist natürlich boshaft. Ich persönlich beispielsweise lese gerne als erstes die Rumpelkammer und dann die drei, vier Spieleartikel, die mich eventuell interessieren – außerdem alles von Petra Fröhlich. Ich gestehe aber gern, daß das ein bißchen auch daran liegt, daß ich mich um die Debatte einer „weniger bekleideten“ Petra Maueröder noch gut entsinnen kann.
Tatsächlich ist der Zweck derartiger Zeitschriften und der dazugehörigen Test-Artikel hauptsächlich darin geschuldet, daß die Spielehersteller letztendlich kostengünstige Werbung haben möchten. Damit das nicht allzusehr auffällt, werden auch gerne eine Menge sichtlich schrottiger Spiele getestet…. selten erlebt man mal den Fall, daß ein vorher vom Verlag hochgejazztes Spiel plötzlich doch durchfällt. Natürlich gibt es kritische Elemente, keine Frage, aber den einen oder anderen wohlwollenden Kommentar für die Rückseite des Kartons ließ sich immer finden….

Nun will ich auch nicht ungerecht sein. Ein wesentliches Merkmal der Zeitschriften ist es nun auch, den Überblick über den Markt aufzuzeigen. Ein ebenso wesentlicher Grund – neben Rossies Rumpelkammer – warum ich die Zeitschrift noch immer beziehe. Es hilft mir ein bißchen, auf einem Sektor, der nach und nach anfängt uninteressant zu werden, hauptsächlich weil sich all die neueren Entwicklungen entweder in Richtung MMORPG, oder in Richtung möglichst flacher Story zwecks RTL-Publikum bewegen, up to date zu bleiben. Es gibt dahingehend natürlich löbliche Ausnahmen, aber etwas so fesselndes wie Privateer 2  oder die Wing Commander Reihe – oder gar so etwas unglaublich interessantes wie Leviathan – habe ich kaum mehr gefunden. Vielleicht die Elder-Scrolls Reihe noch….

Tatsächlich dürfte diese Entwicklung mit zum Niedergang der Zeitschriften führen. Abgesehen vom immer größeren Online-Zwang durch die Spielehersteller (Wie z.B. Steam), den die Zeitschriften zwischendrin sogar massiv befeuerten, dürfte dahinter auch etwas anderes stecken: Sie sind zu klug gemacht. Wenn man einen Rainer Rosshirt liest – oder eine Petra Fröhlich – dann erkennt man dahinter jemanden mit dem Wunsch einen guten Text mit richtiger Grammatik und wenigstens einer sekundären Textebene zu bieten. Letztendlich scheinen sie die letzten Verteidiger der halbwegs intellektuellen Schicht der Computerspieler zu vertreten.

Zugegeben – auch das ist boshaft. Besonders die PC Games hat ein gigantisches Online-Angebot. Es ist sehr zweckdienlich…. Es fehlt ihm irgendwie an der menschlichen Komponente, welche die Zeitschrift so liebenswürdig macht. Selbst die Zeitschrift hat ihr Gesicht massiv gewandelt – früher gab es ziemlich kreative Überschriften, heute ist es eher im Berichtstil gehalten. Vielleicht orientiert es sich redaktionell so am Publikum… ich fühle mich da nicht ansortiert.

Vielleicht gehöre ich – gerade als AnfangdreißigerderichbaldeinaltesEisenbin – schon tatsächlich zu den aussterbenden Generationen, bevor ich die Welt überhaupt so richtig mitgestalten durfte; ich schrieb für die Jugendseite der Sueddeutschen und manchmal auch für den regionalen Feuilleton, aber da war ich Heranwachsender und inzwischen gibt es schon kaum solche Teile mehr in den Regionalteilen. Vielleicht bin ich einfach schon zu alt, um zu begreifen, daß es eine veraltete Erwartungshaltung ist, daß sich jemand über ein Computerspiel mit kluger Grammatik oder hintersinnigem Humor äußert und der ganzen Gamerwelt auch mit einer gewissen feinironischen Distanz annähert.

Das letzte Verkaufsargument – und mutmaßlich ein wichtiger Todesstoß in Richtung Preisspirale für den ganzen Sektor – ist das Thema Vollversion. Bei der GameStar lag der früher bei als bei der PC Games und guckt man sich die Verkaufszahlen an weiß man auch genau wann und wo. Anfangs waren das Spieleklassiker und das war eigentlich eine tolle Sache, bekam man doch so manchmal Spiele, die man mit 13 unbedingt haben wollte, sich aber mit 15 noch nicht hätte leisten können plötzlich nachgeschmissen. Aktuell hat die PC Games „Venetica“ dabei, das ist von 2009. Gerade einmal drei Jahre und ein paar Monate alt. Immer aktueller müssen die Spiele sein, dementsprechend teurer werden die Lizenzen werden, und dementsprechend schneller verfallen die Preise der Spiele auf dem freien Markt. Abgesehen davon, daß ich mir durchaus vorstellen könnte, daß ein Spielehersteller auf eine Zeitschrift zu tritt mit einem Angebot von wegen „Guter Test – später günstige Lizenz“ schießt sich die ganze Branche vom Gamedesigner bis zum Tester damit letztendlich selber ins Knie – und wird der Branche auch dahingehend entweder den Todesstoß versetzen oder sie halt zwingen endgültig aufs pure Multiplayergaming umzusatteln.

Letztendlich bleibt mir als Fazit nur die traurige Erkenntnis, daß ich nur noch ein paar Jahre mit meinem allmonatlichen Rossi – und seiner mutmaßlich echten Verachtung für den analphabetischen Teil seiner Leserschaft – habe und irgendwann erleben muß, wie das Ganze dann eingeht. Im Grunde ist das eigentlich interessant, weil derartiges habe ich früher von meinen Großeltern öfter gehört. Die waren da aber ein bißchen älter als Dreißig. Sagt das jetzt was über unsere Zeit aus?

P.S.: Ja, ich habe hier eine nicht aufgeführt: Die ComputerBild Spiele. Die verkauft derzeit ca. 144.956 Exemplare (viertes Quartal 2012), säuft aber auch gegenüber – in dem Fall – 2002 ab, wo es noch 736.077 Exemplare waren. Ehrlich gesagt, wer die mal gelesen hat weiß genau, warum Springer die verlegt und welche Zielgruppe da gemeint ist. Da geht es nicht um Spieler, sondern um Väter die mit Hilfe von ComputerBild wissen, daß man das Stromkabel nicht in die Nase steckt und daß Frau Merkel toll ist und außerdem versuchen, mit den Sprösslingen mitzuhalten. Die bringen es fertig, Killerspiele zu verdammen und einen Shooter im Heft beizulegen. Daher haben die bei dem Thema absolut nix verloren. Das ist endgültig eine reine Werbezeitschrift. Oder Realsatire.

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