Oh Herr im Himmel

Der mittlerweile bekannt gewordene Vorgang in Köln, bei dem sich zwei katholische Kliniken weigerten, einem Vergewaltigungsopfer beizustehen wird von der Kirche mit einem lapidaren „bedauerlichen Einzelfall“ beseite gewischt. Nur: Das ist ganz und gar nicht so.

Die Frau hatte nach einer Vergewaltigung und nachdem man ihr k.o. Tropfen verabreicht hatte von der Notfallärztin sicherheitshalber die „Pille danach“ verschrieben bekommen. Eine solche Pille wird von katholischen Ärzten allerdings als Abtreibung wahrgenommen und von daher grundsätzlich nicht verabreicht. Dementsprechend haben die Kliniken auch die erforderliche Spurensicherung nicht durchgeführt.

Allerdings ist das kein Einzelfall, sondern Methode einer sehr seltsamen Geisteshaltung. In Galway starb kürzlich eine Frau nach einer Totgeburt, weil sich die Ärzte weigerten, den sterbenden Fötus aus der Mutter herauszuoperieren um wenigstens das Leben der Mutter zu retten. Die Begründung dort: „Das ist ein katholisches Land“. Und ist außerdem rechtlich nicht zulässig. Dabei hatte die Mutter selbst um diese Notoperation gebeten weil klar war, daß das Kind nicht würde überleben können.

Polen wurde kürzlich vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verknackt, weil die dortige katholische Prägung verhindern wollte, daß eine Vierzehnjährige (!) nach einer Vergewaltigung abtreibt. 2009 machte ein Fall aus Brasilien auf sich aufmerksam: Eine Neunjährige (!!) ließ ebenfalls, nachdem sie jahrelang mißbraucht worden war, die Zwillinge mit denen sie schwanger war, abtreiben. Dafür hat man sie exkommuniziert.

Nun ist die Exkummunikation die härteste Strafe, die das Kirchenrecht kennt, es ist quasi die Verweigerung, die Seele des Täters (der Begriff wird hier oft benutzt!) wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, stößt ihn aus und verdammt seine Seele letztendlich in die Hölle. Das muß man zwar auch alles glauben, aber wie das auf ein neun Jahre altes Mädchen wirkt, das eigentlich nur weiterleben wollte, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Als drohende Waffe wird es jedoch gerne verwendet. Nebenbei: Schön mittelalterlich ist es auch, daß man eine Buße tun muß, um wiederaufgenommen zu werden. Im Mittelalter nannte man das Deditio, es war eine symbolische Unterwerfungsgeste.

Es ist immer schwierig und die Religionen diskutieren selbst in Wahrheit unter sich genauso, wie es die Gesellschaft tut. Bei den orthodoxen Kirchen beispielsweise gilt der Schwangerschaftsabbruch als Mord – allerdings gilt, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist, eine Ausnahme. Das ist eine klare Position, für die man sein kann oder auch dagegen. Hier wird ein klarer Wertemaßstab gesetzt.

Das Problem, daß andere christliche Kirchen und auch der Islam zum Beispiel haben ist die Frage mit der Seele: Ab wann ist es menschliches Leben? Eine Frage, mit der sich auch die Ethikkomission mal befasst hatte, zuletzt bei der Frage nach der Präimplantationsdiagnistik. Zu einem einheitlichen Schluß kommt man da nicht, auch der Islam nicht. Zwar meine ich, etwas über einen Spruch des Propheten gelesen zu haben, daß am soundsovielten Tage ein Engel die Seele in das tote Fleisch hauche, aber ich bin mir da nicht mehr ganz sicher – und mutmaßlich wird das verschiedentlich interpretiert.

Die Unterscheidung und Differenzierung zwischen dem Lebensrecht des Fötus und dem Selbstbestimmungsrecht der Frau ist ein heikles Thema, das weder ein einzelner Blogbeitrag, noch eine jahrelange Diskussion endgültig lösen können. Auch dieser Beitrag wird das nicht einmal ansatzweise tun.

Allerdings möchte er schon kritisch vermerken, daß das Lebensrecht, also das generelle Recht auf Leben ein hohes Gut ist, wie es die „ProLife“ Organisationen (die auch mit Krankenkassen zusammenarbeiten, scheint’s) ja auch immer betonen – und das Recht eines bereits geborenen Lebens über das eines Ungeborenen zu stellen erscheint dann doch ein wenig seltsam. Wie soll denn das Kind aufwachsen (und sich fühlen) ohne die Mutter, deren Tod es unwissentlich veranlasst (nicht verschuldet!) hat? Und warum soll eine Ärztin indischer Herkunft oder ein brasilianisches Mädchen von gerade einmal 9 Jahren kein Lebensrecht haben, der ungeborene Fötus aber schon? Fragen, die seltsamerweise nicht beantwortet werden.

Und im Falle der Spurensicherungsnummer da in Köln: Warum scheint es nicht so wichtig zu sein, wer der Vergewaltiger ist? Muß man als Kirche denn immer den Eindruck erwecken wollen, man decke lieber den Täter als dem Opfer zu helfen?

Ich weiß nicht….. Star Trek?

In den vergangenen Tagen meines Lebens gab es eine Menge Phasen die man unterscheiden könnte – Phasen die ineinander überlaufen – und das dürfte wohl bei jedem Menschen so sein. Manche davon waren vorübergehend – wie meine Leidenschaft für eher dumme Dinge.

Andere Dinge waren von Dauer – wenn auch von periodischer Aufmerksamkeit. Star Trek ist so ein Fall. Manche Dinge haben mich von diesem Thema eher entfernt, andere eher hingebracht. Als ich Kind und Jugendlicher war, war sicherlich die Action eine wichtige Komponente. Seit ich erwachsen bin ist das gar nicht mehr so der Fall. Neulich habe ich mit einem Schüler eher zufällig über Star Trek diskutiert und dabei festgestellt, daß ich offensichtlich – seit Januar diesen Jahres – älter werde.
Für ihn (14 Jahre alt) ist Star Trek eine uralte SciFi-Marke aus den fernen 70ern die jetzt modern geworden ist – letztendlich ein ähnlich gelagerter Fall wie bei Battlestar Galactica. Nach Inhalten gefragt geht’s da vor allem um Raumschiffe und Action. Ungefähr das ist auch das, was davon heute noch übrig ist.
Gesehen hat er die Serien noch nicht, vielleicht ein paar Folgen von Enterprise, aber das ist bereits die Spätphase dieses Universums gewesen. Im Grunde hatte er daran auch nicht viel Interesse, hauptsächlich weil er in der Schule bei seinen Kumpels eine Menge darüber gehört hat, daß es sich um letztlich langweilige Serien handelt – Deep Space 9 sei ganz cool, mehr Action. Darüber habe ich nachgedacht und die darauffolgende Nachhilfestunde mit einem Gesprächsanhang versehen. Wir haben uns zwei Folgen aus Star Trek: The Next Generation angesehen. Damit’s dennoch einen kleinen positiven Nebeneffekt auf seinen Schulweg hat, auf Englisch. Die Folgen heißen „Wem gehört Data?“ (The Measure Of A Man) und „Das zweite Leben“ (The Inner Light).

Von der Schöpfung
Die eigentliche Hauptfigur der Serie TNG war und ist Lieutenant Commander Data. Er ist ein Androide, eine vollständige künstliche Person die nicht nur eine Künstliche Intelligenz besitzt, sondern auch ein künstliches Bewußtsein. Datas Anstrengung gilt der Frage wie es ist, Mensch zu sein. Dieses Bestreben führt nicht selten zu recht komischen Ergebnissen wenn er menschliches Verhalten zu unpassenden Zeiten kopiert (So nennt er einen Vorgesetzten mal „Du Knalltüte“, als er das Wesen des Humors erforscht), aber vor allem weist er Zuschauer und Mitbesatzung immer wieder auf die menschliche Natur hin. Picard vergleicht ihn öfter mit Pinocchio.

In dieser Folge möchte ein Wissenschaftler Data zerlegen um ihn nachbauen zu können. Picard legt dagegen Einspruch ein und versucht mithilfe eines Gerichtsprozesses zu beweisen, daß Data eine eigenständige Persönlichkeit ist – und als Person alle Rechte eines Lebewesens der Föderation genießt. Als Ankläger fungiert hier Commander Riker, vermutlich weil die Crew der Enterprise sonst auf letztlich zwei handelnde Akteure zusammengeschrumpft wäre, Sinn ergibt diese Konfiguration nicht.
Riker beweist schlüssig, daß Data eine Maschine ist indem er im zuerst einen Arm abnimmt und ihn danach einfach abschaltet. Ein Vorgang, der mit einem Menschen nicht zu machen wäre. Picard verargumentiert letztlich, daß die Herstellung unzähliger dienender Androiden, die intelligent und selbstbestimmt sind, eine Sklavenrasse schaffen würde – etwas, was mit den fundamentalen Prinzipien, welche die Menschheit inzwischen entwickelt hat, nicht vereinbar wäre. Er bekommt Recht.

Der Traum der Menschheit von künstlicher Intelligenz ist nicht neu und in unzähligen verschiedenen Arten im Rahmen der Science-Fiction – Literatur bereits aufgegriffen worden. Das bekannteste Werk in dem Zusammenhang dürfte vermutlich „I, Robot“ von Isaac Asimov sein. Asimov hat in vielen Romanen und Erzählungen die Thematik um künstliche Lebewesen entwickelt, unter anderem auch die drei Gesetze der Robotik entworfen und ihre Grenzen diskutiert. Geschichten wie beispielsweise die der Terminator-Filmreihe oder auch der Roman „Robocalypse“ von Daniel Wilson erzählen uns von den Gefahren durch künstliche Intelligenzen, der wahrscheinlich beste Roman des 21. Jahrhunderts, „Angenehm. Erziehungsroman einer Künstlichen Intelligenz“ von Matthias Hirth wiederum zeigt uns unsere eigene Beschränkung auf wenn wir versuchen uns selbst zu erklären – und wie wir diese Menschlichkeit dann einer Maschine beibringen wollen.
Data ist nun nicht nur eine künstliche Intelligenz, er hat ein Bewußtsein. Ob das eine das andere bedingt, darüber ließe sich trefflich streiten, was ja auch gemacht wird. Im Laufe der Diskussion kam mein Schüler auf das Argument, daß man, wenn man etwas erschafft, was nach irgendeiner Definition lebt, auch die Verantwortung dafür tragen muß. Im Gegenzug fragte ich ihn, wie es dann um unsere Behandlung von Tieren steht; Wir erschaffen sie ja nicht, wir benutzen sie aber obwohl wir wissen daß sie wirklich leben und in den meisten Fällen zumindest ein rudimentäres Bewußtsein haben. Da stellte er mir eine ziemlich geniale Frage: Was ist eigentlich ein Bewußtsein?

So einfach ist das nicht zu beantworten. Man könnte von einem Bewußtsein sprechen, wenn das betreffende Lebewesen Gedanken hat. Nur sind Gedanken nicht so einfach nachzuweisen, wenn eine Kommunikationsschnittstelle fehlt. Ich weiß als Katzenbesitzer zum Beispiel eine Menge darüber, wie Katzen jagen. Wie sie oftmal recht ungeschickt vorgehen aber aus Fehlern lernen und sich regelrechte Strategien einfallen lassen. Einmal haben unsere beiden Katzen gemeinsam mit dem Nachbarskater einen regelrecht verhassten Vogel gejagt – eine Amsel die sie wirklich gern ärgerte – und sie sind dabei taktisch äußerst geschickt vorgegangen und haben das Tier regelrecht in eine Falle getrieben. Geht sowas ohne Gedanken, rein auf der instinktiven Ebene?
Bewußtsein kann, religiös gesprochen, als das gelten, das beseelt ist. Tiere empfinden Schmerzen, nehmen oftmals Farben wahr. Maschinen nicht, können aber so programmiert werden daß sie eine entsprechende Reaktion zeigen. Nur ist diese Reaktion dann eine Reaktion eines Bewußtseins oder nur ein einprogrammierter Automatismus? Was ist denn unser Schmerzempfinden? Schmerz sagt dem Körper, daß irgendwas nicht stimmt und der Körper reagiert darauf. Wer sagt, daß es einer Maschine nicht weh tut, wenn man einen Kondensator überlastet? Eigentlich wird das doch nur durch die Annahme bestätigt, daß eine Maschine eben ein Ding ist und kein Lebewesen. Ist ein Kotelett ein Ding, obwohl es von einem Lebewesen stammt? Dem Kotelett tut es nicht weh, wenn man es schneidet – dem Lebewesen aber schon wenn man es in das Kotelett schneidet.

Betrachtet man den Film Blade Runner von Ridley Scott, einen der einflußreichsten Science-Fiction Filme überhaupt, so ist die Grenze zwischen Ding und Lebewesen in der Emotion zu finden – erst die Emotion macht den Menschen zum Menschen und im Film eben auch den Replikanten, weswegen er ab- oder ausgeschaltet werden muß. Geht man aber noch einen Schritt weiter und überlegt, ob es nicht möglich wäre ein menschliches Bewußtsein, das ja eigentlich nur aus Elektronenimpulsen besteht, in eine Maschine zu laden – wäre diese Maschine dann nicht ein Lebewesen?

Die Erschaffung von künstlichen Lebensformen liegt zumindest im Augenblick noch in der Zukunft, auch wenn es Anzeichen gibt, daß diese Zukunft nicht mehr allzu fern ist. Ob wir als Art überhaupt schon die zivilisatorische Reife haben, mit einer solchen schöpferischen Fähigkeit umzugehen, ist allerdings fraglich.

Braucht es eigentlich einen Grabstein?
Die Folge „Das zweite Leben“ aus der fünften Staffel handelt davon, daß die Enterprise auf eine fremde Sonde stößt und – wie es eben in den alten Star Trek Serien noch sein durfte – neugierig wird. Man untersucht die Sonder via Scanner und Captain Picard wird ohnmächtig. Er erwacht auf dem Planeten Kataan und wird von allen Kamin genannt, ist plötzlich verheiratet und von Beruf Eisenweber. Seine Frau trägt ein Amulett das genauso geformt ist wie die Sonde. Im Laufe seines Lebens auf Kataan, das Picard inklusive Kinder und Enkel dort verbringt und dabei sogar beharrlich das Flötespiel erlernt, stellt sich heraus, daß diese gerade erst die Raumfahrt entdeckende Zivilisation dem Untergang geweiht ist: Ihre Sonne wird zur Nova werden.
Die Zivilisation des Planeten kann dagegen nichts machen, allerdings schickt sie mit all ihren Mitteln und Kraft eine Sonde aus. Diese ist in der Lage, einem Individuum – in dem Fall Captain Picard – die Geschichte, Kultur und Lebensweise des Volkes von Kataan durch eine Erinnerung an ein dort gelebtes Leben zu vermitteln. Der ganze Vorgang dauert etwa 20 Minuten. Danach zerstört sich die Sonde selbst. Das einzige was die Crew aus der Sonde bergen kann ist die Flöte mit der Picard das Spielen erlernte.

Für die Diskussion nach der Folge stellte ich ihm eine Frage: Warum haben die das gemacht? Warum all ihre Kraft darauf angewendet, eine Sonde zu bauen die von ihrem Schicksal erzählt und nicht alles unternommen, um wenigstens ein paar von sich zu retten? Er antwortete mit einer Gegenfrage: Warum haben sie als Gegenstand die Flöte mitgeschickt? Warum nicht eine Aufzeichnung ihrer Geschichte, ein Buch oder einen Film oder sowas?

Stattdessen die Flöte – und die Volksweise, die Picard im Laufe seines „Lebens“ auf dem Planeten erlernt hat. Vielleicht ist das auch dies das Erinnerungswürdigste eines Volkes – seine Geschichten und Lieder. Blickt man da auf die Leistungen unseres Volkes in Zeiten von DSDS, Dieter Bohlen und Lena Meier-Landruth, so gilt das vermutlich nicht uneingeschränkt, aber man fragt sich, ob es nicht Zeit wird, daß wir aussterben… Wie heißt es so schön? Wenn die Kraft zuende geht….

Im Laufe der Diskussion kamen wir zu dem Schluß, daß viele Menschen sich wünschen, unsterblich zu sein. Jede Religion verspricht dies in gewisser Weise, manche durch Wiedergeburten, andere durch simple Vorstellungen eines ewigen Lebens, da wiederum einige mit Hilfe eines Heilsversprechens, eine Paradieses oder einer ewigen Party wie bei den Germanen, andere unterteilen die Toten erstmal nach ihrem Leben und bestrafen sie bei Bedarf gleich für deutlich länger als das Leben selbst andauerte. Dafür versprechen sie auch Ablässe.

Was aber ist denn „der Mensch?“ Was zeichnet uns, als Zivilisation, als Ganzes betrachtet, eigentlich aus? Der Blickwinkel ist erstaunlich ungewöhnlich, auch wenn er zunächst gar nicht so scheint. Wir betrachten in verschiedenster Form und Sprache gerne einmal „die Menschen“ und wir können eine Menge auch über sie als Gruppe sagen. Allerdings nur als entweder Statistik, oder als Einzelperspektive. So sehe ich „die Türken“ in Deutschland beispielsweise sowohl statistisch als Gruppe von Arbeitgebern und -nehmern, also auch als eine Gruppe, deren Jugend neueren Studien zufolge Anpassungsprobleme hat – was erstaunlich ist, bedenkt man daß nicht wenige davon bereits die Dritte Generation in Deutschland sind. Zugleich nehme ich aber die Türken in meinem Umfeld und Freundeskreis wahr – und irgendwie passt das nicht zu den Statistischen Daten.
So wird es einem oft gehen. Egal ob man die Türken, die Deutschen oder auch nur die Bayern betrachtet, stets hilft einem die Statistik dabei, Schubladen zu benutzen die eine Kategorisierung einfacher machen. Je weiter weg eine Zivilisation ist, desto einfacher fällt das. Wenn „der Inder“ sich über „die Deutschen“ Gedanken macht – humorlose Organisationstalente, das einzige Volk, das seine Unterwäsche bügelt – so wird er den Begriff „Bayer“ vermutlich auch auf einen Nürnberger anwenden, oder einen Bamberger. Selbiger würde das vielleicht nicht direkt unterschreiben. Wie ist dann unsere Sicht von „dem Muslim“? Nicht vielleicht genauso falsch?

Ein Volk oder eine Lebensorganisation nach bestimmten kulturellen Merkmalen zu beurteilen ist gar nicht so einfach weil die Wertigkeit der einzelnen Bestandteile von außen gar nicht so ohne weiteres feststellbar ist. Den gleichen Blick haben wir in die Geschichte unserer eigenen Leute. Wir wissen, daß sie für unglaubliche Summen und vor allem für eine unglaubliche Bauzeit gigantische Kathedralen errichtet haben. Daraus schließen wir auf eine hohe Religiosität, aber so manche Historiker zweifeln daran daß das für das gesamte Mittelalter und jede Region im gleichen Maße anwendbar ist. Wenn unsere Nachfahren von Bauwerken wie dem Frankfurter Bankenviertel oder dem neuen Reichstag auf unsere Hörigkeit gegenüber Banken oder Staat schließen würden….. könnte es da nicht zu Irrtümern kommen?

Wir stellen auf unsere Gräber Grabsteine auf denen meistens nur die Lebensdaten vermerkt sind sowie der Name. Selten noch einen Satz, der im Sprichwort öfter vorkommt als in Wirklichkeit. Manche schreiben sogar gar nichts auf den Grabstein, manchmal macht man nur ein Holzkreuz, oder – wie bei den rasch angelegten Soldatengräbern im Krieg oftmals – nur ein Symbol auf Stock und Helm. Massengräber bekommen gar kein Insignium, meist entweder weil es nicht zu schaffen wäre (bei Seuchen) oder weil es der letzte Schritt der Entwürdigung des Mitmenschen (bei Massenerschießung) sein soll – man spricht dann in der Regel auch von „verscharren“ und nicht von „begraben“ oder „beerdigen“.
Ich wohne praktisch in Sichtweite des alten Münchner Nördlichen Friedhofs, der sehr Zentral in Maxvorstadt gelegen ist. Der Friedhof ist offengelassen, also er wird nicht mehr benutzt und dennoch sind bis heute etwa 850 Gräber erkennbar (von ehemals 9.000), der Friedhof wurde allerdings im zweiten Weltkrieg völlig verwüstet. Heute ist er ein Naherholungspark, Kinder spielen zwischen den Grabsteinen Fangen oder Seilhüpfen und vor allem Jogger aus der Gegend nutzen das Gelände zum täglichen Training. In meinen Versuchen ihnen nachzueifern bin ich allerdings einige Male stehengeblieben um mir die Namen, die noch lesbar sind, anzusehen.

Eine Frage, die sich mir vor allem stellt ist die, ob eigentlich die dort Begrabenen oder gar ihre Verwandten sich Gedanken darüber gemacht haben, was ich mir für Gedanken darüber mache, wenn ich ihre Namen lese. Nicht zwingend ich speziell, aber was sich wohl der Besucher ihres Grabes denken würde, wenn er zweihundert Jahre später daran vorbeimarschiert. Schenken Sie bei Besuchen auf Friedhöfen „fremden“ Gräbern echte Aufmerksamkeit?
Vielleicht wenn sie besonders auffällig gestaltet sind. Aber ansonsten? Kaum, nehme ich mal an. Dennoch stehen überall Namen und Geburts- und Sterbedaten. Es ist keine Unsterblichkeit – aber, um mit Reinhard Mey zu sprechen, ein Schrei: „Schaut her, ich hab gelebt!“. Was würde ich auf meinem Grabstein haben wollen? Was soll von mir bleiben wenn ich mal sterbe – und vor allem was soll länger wichtig bleiben als nur für meine Kinder und vielleicht noch meine Enkel? Für Menschen, die mich gar nicht kennengelernt haben?

Das elektronische Zeitalter bietet da in gewisser Hinsicht einen Beispielhaften Versuch: Dieser Blog wird auch nach meinem Ableben noch existieren. Wie eine Hinterlassenschaft von Büchern ist er dann statisch, aber kann viel leichter gefunden werden, sofern er nicht irgendwann gelöscht wird oder die Server auf denen er besteht, einen totalen Ausfall haben. Da könnte dann vielleicht das Internet Archive einen Teil von ihm retten. Nur – will ich das? Macht mich dieser Blog aus? Nein. Gewiss nicht. Ich veröffentliche hier ja, auch wenn ich mitunter Details aus meinem Leben preisgebe oder sogar wichtige Stücke meiner Persönlichkeit präsentiere, so ist das zwar durch meinen Willen geschehen – aber eigentlich nicht echt. Ich zeige von mir nur so viel wie ich möchte und der psychologisch geschulte Leser wird mehr entdecken – aber alleine dadurch, daß ich in dem Blog meine Meinung kundtue wird der Blog noch nicht zum Abbild meiner Person.

Nun wird aber das vielleicht von mir bleiben. Vielleicht auch mehr – ich beabsichtige noch wenigstens 50 Jahre zu leben und in der Zeit kann noch eine Menge geschehen. Nur frage ich mich, ob es jemandem, der mich aus irgend einem Grunde beforscht, eigentlich klar werden würde, was mir wirklich wichtig ist? Ob er mich verstehen könnte, obwohl er gar nicht so genau weiß was ich alles sehe, lese, höre?
Umgekehrt, mal als Historiker gefragt: Ist mir eigentlich wirklich klar, was für ein Mensch zum Beispiel Friedrich der Große war, obwohl ich vermutlich mehr Übungen, Seminare und Vorlesungen zu ihm als zu sonst irgendeiner Persönlichkeit der Geschichte besucht habe? Und vor allem: Wie war das Leben eines Müllers in Friedrichs Zeit? Was liebte er, was lebte er? Der Historiker fragt nach so etwas nicht oft – aber ist es nicht eigentlich das, was wirklich bewahrenswert ist?

Fazit
Es bleibt die Erkenntnis, daß man den Drehbuchautoren der Serie nach wie vor immer gern gratulieren würde. Sie haben oftmals auch Unsinn produziert oder Folgen geschaffen, die wirklich oberflächlich oder mehr unterhaltend gemeint waren. Aber nicht zuletzt TNG hat zum einen das Star Trek – Phänomen überhaupt so richtig zum Leben erweckt, es hat auch dafür gesorgt, daß sowohl Wissenschaftler der Astrophysik (Stephen Hawking hat sogar einen Gastauftritt in einer Folge, wo er mit Data, Albert Einstein und Isaac Newton Poker spielt und gewinnt), als auch Geisteswissenschaftler sich für Star Trek zu begeistern begannen. Hawking soll beim Besuch der Kulisse des Maschinenraumes der Enterprise-D gesagt haben: „Ich arbeite dran“.

Es ist gelungen, ethische, moralische und menschliche Existenzdiskurse in eine Unterhaltungsserie einzubauen, die eine große Fangemeinde unter erheblichen Schwierigkeiten errungen hat. Zeitgleich ist es, wenn auch immer schwächer werdend, der Versuch, eine positive und interessanter Weise Postkapitalistische Zukunftsversion dem – ausgerechnet – amerikanischen Publikum zu verkaufen. Das erscheint heute nicht mehr zeitgemäß, weswegen man im neuen Star Trek darüber lieber keinen Gedanken verschwendet. (Protokoll hier) Was schade ist, denn im Grunde starb mit Gene Roddenberry ( 1991) und zuletzt mit seiner Frau, Majel Barrett ( 2008) auch noch das letzte bißchen positiver Zukunftsvision und Paramount macht mit der Marke, was es braucht: Vermarktung.

Nur ein weiteres, schönes Beispiel dafür daß es in der Regel den Dingen nicht gut tut, den Gesetzen des Marktes geopfert zu werden.

Von der Ethik, von der Wissenschaft und von Fragen, die sich manchmal stellen.

Immer mal wieder kommt es zwischen mir und Corneliya zu interessanten Diskussionen, die sich um die unterschiedlichen Ausrichtungen unserer Interessengebiete beziehungsweise um die verschiedenen Ansatzpunkte die Welt zu betrachten, mit denen wir durch unser unterschiedliches Studium (Meines Geisteswissenschaftlich, ihres Naturwissenschaftlich) gebildet wurden, drehen. Das ist sehr fruchtbar und interessant und an einer solchen Unterhaltung möchte ich Sie, meine lieben Leser, auch teilhaben lassen.

Ausgangslage: Wir unterhalten uns über einen wissenschaftlichen Artikel, der neue Erkenntnisse der Stammzellenforschung berichtet: Wissenschaftlern in Göttingen ist es gelungen, aus männlichem Sperma unterschiedliche Zelltypen wachsen zu lassen. Soweit die Ausgangslage.

Lastknightnik: Ja. Aber das sind ja nur Theorien

Corneliya: wobei ich beim lesen des Artikels schon wieder so einen Anti-Tierversuchs-Impuls hatte. Die armen Mäuse…

Lastknightnik: Nun, man könnte statt Tieren Strafgefangene nehmen…

Corneliya: klar sind’s nur Theorien, was dachtest Du denn? Das sind Naturwissenschaftler: wir forschen und die Anwendung können dann die Deppen in der Industrie finden, ist uns doch wurscht 😉
Ich weiß nicht, ich finde es ist ein Unterschied ob ich versuche, eine Maus zu heilen und die dabei blöderweise stirbt oder ob ich sie mit Absicht umbringe um nachzugucken, wie lange sie dafür braucht, verstehst Du, was ich meine?

Lastknightnik: Ja, natürlich

Corneliya: ich finde einfach: „Hurrah, die Maus hat Krebs bekommen!“ ist eine etwas makabre Aussage…

Lastknightnik: Um Dein Argument zu nehmen: Das sind Naturwissenschaftler: wir forschen und die Ethik können dann die Deppen in der Philosophie finden, ist uns doch wurscht. 😉

Corneliya: ich weiß, ist Dein Lieblingsargument

Lastknightnik: Ist es nur deswegen weil die Naturwissenschaft m.E. nach immer nur nach dem „Wie“ fragt, eher sehr selten nach dem „soll“.
Das ist ja nicht zwingend falsch, aber ehrlich gesagt ohne sich zu überlegen was man mit der Forschung macht kommen manchmal ungute Dinge bei raus…. Genetisch veränderte Pflanzen, Atombomben…

Corneliya: Schon, aber: zwei Sachen. Erstens gibt es so etwas wie Wissensdrang. Und wenn Du nach zwanzig Jahren Forschung an den Bindungen zwischen Kohlenstoff und Sauerstoffatomen plötzlich den Geistesblitz hast, dann veröffentlichst Du das, auch wenn dann irgendjemand daherkommt und sagt „ja, aber technisch gesehen könnte man daraus eine Bombe bauen“ Genauso wie Du nicht einfach sagen kannst: ich ziehe die Schlussfolgerung nicht, oder ich „will das nicht wissen“ Wer nicht wissen will, wird kein Naturwissenschaftler. Das ist genauso als würde man ein super spannendes Buch lesen und dann die letzten zwei Seiten einfach nicht lesen und entscheiden, dass es einen nicht mehr interessiert ob’s gut oder schlecht ausgeht.
Zweitens: Man kann alles auch zu Schlechtem verwenden. Die Natur macht da genauso wenig einen Unterschied. Ein Beispiel: Explosiva. Klar kann man damit Menschen töten. Aber man kann Menschen auch genauso gut retten, z.B. indem man eine Schneedecke wegsprengt bevor die Lawine runtergeht. Wissen an sich ist weder moralisch gut noch moralisch schlecht. ich nehme an, Du kennst die Geschichte des Nobelpreises? Und noch was: für denjenigen, dessen Kind durch Genforschung nach einem Unfall die eigene Haut wiederbekommen kann, ist es schnurzpiepegal ob es genetisch veränderte Pflanzen gibt oder nicht und er würde fünfmal Genmais fressen, und dabei den Göttern danken, dass ein „verantwortungsloser Wissenschaftler“ Genforschung betrieb. Versteh mich nicht falsch, ich halte diese Genmanipulationen für sehr unheimlich und sehr gefährlich, und ich stehe nicht dahinter. Ich finde, wir sollten nicht Gott spielen. Aber alles schlechte, was zum Beispiel für den Krieg entwickelt worden ist, also um möglichst schnell möglichst vielen Menschen ihre Liebsten zu entreißen, hat auch positive Anwendungen bekommen

Lastknightnik: Natürlich. Man kann aus Ästen Keulen machen, also Bäume verbieten? Das ist natürlich quatsch und das habe ich auch nicht gemeint. Aber Naturwissenschaftler neigen dazu, die Folgen ihrer Forschung (oder das Motiv der Finanzierer) auszublenden weil das unbequem sein kann. Lieblingsargument ist letztlich das der Waffenhersteller: Es gibt keine gefährlichen Waffen, es gibt nur gefährliche Menschen. Oder nehmen wir Tabakkonzerne: Was können die dafür, wenn sich Leute mit dem Zeug umbringen?
Ich glaube nicht, daß jede Entwicklung für den Krieg automatisch auch gutes für die Menschheit hervorgebracht hat. Viele sicherlich, aber wenn man Schneedecken mit Wasserstoffbomben wegsprengt könnte das ein klitzkleines bißchen übertrieben sein – es sei denn man will gleich den lawinengefährlichen Berg mit loswerden. Panzer – da könnte man nun streiten, denn Panzer sind ziemlich stabil und Geländegängig.
Es geht auch nicht um die gewonnene Erkenntnis, die jemand anders mißbraucht – sondern eher darum, daß man mit Erkenntnissen einfach verantwortungsvoll umgehen muß. das ist nicht immer bequem weil es den eigenen Erkenntnisdrang bremsen kann, klar. Es kann auch unangenehme Fragen aufwerfen. Nehmen wir nochmal den Tabakkonzern. Da arbeiten Leute, den Tabak so zu verändern, daß der Geschmack besser und die Sucht größer wird, was ihrem Konzern Geld einbringt. Für sie mag das nur die Frage sein, ob man den Tabak so verändern kann wie man will oder nicht – solange sie sich nicht mit der Frage befassen müssen ob sie eigentlich am Kundensterben mitwirken.
Gleiche Fragen vermeidet aber zum Beispiel auch die Werbeagentur, die den Selbstmord mit einem Ausdruck von Freiheit bewirbt – im Grunde ist das schon fast zynisch.
Gentechnik ist nicht per se böse, das ist Unsinn – der Mensch betreibt das seit Jahrtausenden und hat so stabilere Kartoffeln, Terrier und besondere Blütenpflanzen erzeugt. Aber man muß sich eben immer fragen, was man damit anstellt. Und ich bin schon der Ansicht, daß in einen Artikel, in dem Dr. Haumichtot das Schlagmichtodgen entdeckt hat und das nun beschreibt auch der eine oder andere Gedanke, wie die Anwendung sein sollte und wie vielleicht nicht miteinfließen könnte.

Corneliya: zu einem gewissen Grad hast Du recht. Eins hab ich dazu allerdings noch zu sagen: gerade heute (Stichwort Sponsoren war gar nicht schlecht) bestehen vielleicht 5% einer Publikation aus eigener Erkenntnis (das wäre schon viel!) und der Rest ist Zusammenfassung davon, was vorher andere gesagt und geschrieben haben. Z.B. wäre die Atombombe vielleicht nie erfunden worden, wenn Rutherford nicht eines Tages Partikel durch eine Goldfolie geschossen hätte. Hast Du irgendeine Ahnung, was für ein fantastischer Wissensdurchbruch das war, als man beweisen konnte, dass zwischen Atomkernen ein Haufen Nichts ist?!?! Oder Bohr mit seinem Atommodell. Die Leute, die Protonen und Neutronen erforscht haben. Das alles ist Teil der Erfindung der Atombombe. Hätte man all das nicht gewusst, hätte es auch keine Atombombe gegeben, weil die 5% Zusatz, die aus dem Wissen von Generationen eine tödliche Waffe machen, hätten ohne dieses Wissen nicht genügt. Frage: Woher hätte Bohr das bitte wissen sollen? Hätte er schon aufhören sollen zu forschen, einfach kein Atommodell postulieren? Sagen „ich hab ne grandiose Idee, die die gesamte Physik und Chemie revolutionieren würde, aber lassen wir’s lieber“? Vielleicht sollte derjenige, der die letzten 5% hinzufügt, tatsächlich mal für 5 ct sein Hirn einschalten. Aber: weil es nur 5% sind, gibt es etwa 100 Menschen (statistisch gesehen), die draufkommen könnten. Also wer ist wirklich schuld? der die 5% hinschreibt oder die Leute, die die 95% zusammengetragen haben?
Ich verstehe was Du sagen willst. aber ich glaube, Du kannst Wissen nicht aufhalten. Und wenn Du’s könntest bin ich mir nicht sicher, ob man das sollte. Auch Erfindungen, die absolut keinen guten Nutzen haben, haben vielleicht indirekt doch einen. Atombomben sind was furchtbares, aber die Abrüstungsabkommen hätte es vielleicht nie gegeben, wenn man nicht so eine Angst vor einem Atomkrieg hätte. oder wir hätten schon längst einen Dritten Weltkrieg gehabt. Vielleicht ist ja die Atombombe wiederrum zu 5% mit Schuld dran, dass wir Krieg plötzlich nicht mehr als ganz normale politische Aktion sondern als „letzten Ausweg“ klassifizieren, zumindest einige von uns…

Lastknightnik: Schuld sind nicht die , die Grundlagen liefern. Schuld sind auch nicht die, die sich eine Erkenntnis zusammenschrauben. Schuld sind aber die, die sie dann benutzen. Wenn man schon moralisch argumentiert: Die Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki waren schrecklich – aber wären vielleicht 5 weitere Jahre Krieg nicht schlimmer gewesen? Wären die Sowjetunion und die USA vielleicht übereinander hergefallen, wenn sie nicht Angst vor der letztlichen Konsequenz gehabt haben?
Letztendlich kann man sehr wohl sich der Verantwortung bewußt sein, die man hat wenn man etwas schafft was im Mißbrauch schrecklich ist. Und man kann das Wissen sehr wohl so dosieren, daß es nur Menschen mit großem Verantwortungsgefühl auch bekommen.
Die Erfinder der Atombombe haben nachdem sie begriffen hatten was sie da konstruiert haben einen Rat gegründet, dessen Ziel es war diese Waffe wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen – nur viel zu spät. Wären sie vorher sich darüber klar geworden – hätten sie darüber überhaupt nachgedacht – wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Ob das dann gut oder schlecht ist. Man muß sich einfach Gedanken über die Konsequenzen machen und zwar noch während man daran bastelt.

Corneliya: Zitat:  <<< Letztendlich kann man sehr wohl sich der Verantwortung bewußt sein, die man hat wenn man etwas schafft was im Mißbrauch schrecklich ist. Und man kann das Wissen sehr wohl so dosieren, daß es nur Menschen mit großem Verantwortungsgefühl auch bekommen. >>>
Ehrlich? Also ich persönlich hätte schon mal enorme Schwierigkeiten, jemanden mit genügend Verantwortungsgefühl zu finden um ihm das Geheimnis der Atombombe zu verraten. Also wie suchst Du Dir das bitte aus? Zweitens: ein Wort: Geheimdienste. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die nicht alles herausfinden, was sie können. Drittens: es gibt durchaus Geschichten darüber, dass die Atombombe schneller hätte fertig sein können, und dass es Saboteure in den Labors gab die sehr genau wussten, was sie da bauen. Ich glaube, eine Geheimgesellschaft, der alles Wissen der Welt vorenthalten bleibt und die dann entscheiden, was wie weitergegeben wird ist das schlimmste, was uns passieren kann
Außerdem sind die meisten Naturwissenschaftler keine Propheten und man kann sich manchmal wirklich nicht vorstellen auf was für Anwendungsgedanken die Leute kommen. ein Beispiel: Katze in der Mikrowelle trocknen. Natürlich ist das dem Erfinder der Mikrowelle NICHT in den Sinn gekommen, dass seine Erfindung eine Katze töten wird. Man kann einfach nicht vorhersehen, wie die Leute auf etwas bestimmtes reagieren, was sie damit anstellen – jedenfalls häufig nicht.
Noch was wollte ich sagen: es ist nicht nur die Naturwissenschaft, die gefährliche Dinge auf die Leute loslässt. Nur so nebenbei: Gedanken, Ideen können noch viel gefährlicher sein. Und da machen sich die Leute WESENTLICH weniger Gedanken über Konsequenzen

Lastknightnik: Richtig. Das ist nicht immer vorhersehbar. Auch daß man die Technologie der Mikrowelle dazu benutzen kann, einen Silent Sherriff zu bauen war sicher nicht vorhersehbar. Bei einer Atombombe ist es eben schon vorhersehbar und wenn ich eine Pflanze so züchte, daß sie sich a) nicht mehr vermehren kann und b) den Boden kontaminiert, so daß nur noch sie aber nicht ihr natürlicher Abkömmling dort gedeihen kann, dann kann ich auch vorhersagen, was geschieht. Immer ist das sicher nicht abzuschätzen, aber sehr wohl öfter.
Was das Thema Geheimdienste/Geheimgesellschaften angeht: KLar ist das unterdrücken von Wissen auch nicht der richtige Weg. Der Umgang damit aber das entscheidende Element.
Mit Deinem letzten Absatz hebst Du die Diskussion aber nun in eine andere Ebene. Ich habe weder behauptet noch gemeint, daß nur die Naturwissenschaft so gefährlich sei – ich habe lediglich darauf verwiesen daß eben oftmals Physiker oder Biologen sich nur wenige bis gar keine weiteren Gedanken machen.
Natürlich sind politische oder religiöse Gedanken stets das gefährliche Mittel, das den vom Naturwissenschaftler hergestellen Zweck heiligt. Der Mensch findet auch immer eine Methode, um seine Ziele zu erreichen, hätte es weder Schußwaffen noch Gaskammern gegeben wären die braunen Horden vermutlich eben mit der Keule über ihre Mitmenschen hergefallen.
Was mich stört ist a) Eben der Umgang der Naturwissenschaftler mit ihrem gewählten Fach, weil sie sich eben oftmals keine Gedanken über das „und was dann?“ machen und b) der Umgang der Gesellschaft, in der wir leben, mit der Problematik, wie wir mit unserer Technologie umgehen sollen. Im Augenblick wird alles im Hinblick auf Vermarktung und Möglichkeiten, Geld und Macht zu scheffeln bewertet. Forscht einer an irgendwas interessiert nur ob man damit entweder viel Geld machen kann oder ein Einflußmittel in die Hand kriegt, das andere nicht haben. Der generelle Umgang mit unserem Potential als Art ist nicht wirklich durchdacht und er folgt auch keinem ernsten Konzept, das eventuell ein bißchen längerfristig weiterdenkt. Hindernisse beim Geldscheffeln (Stichwort Ethikrat) werden beiseite geschoben und die Forschung fokussiert sich immer mehr auf die Frage nach der Machbarkeit und dem Marktwert von Ideen, ohne Konsequenzen zu berücksichtigen oder selbige mal infrage zu stellen.
Gerade im Bereich Genmanipulation und Vernichtung von Boden für andere Pflanzen: Das Zeug breitet sich ja aus, „verseucht“ quasi andere Felder. Was macht eigentlich eine Firma wie Monsanto mit der Macht, alleine bestimmen zu können was wo wächst? Sollte eine Firma, der es ja nur um Geld geht weil das nun einmal ihre Aufgabe ist, eigentlich diese Macht haben? Ist es wirklich sicher, daß die da in bester Absicht handelt oder handeln wird? Und was bedeutet das für einen Planeten, dessen Biosphäre schon mit Monokulturen nur begrenzt zurande kommt? Was wenn es kein Saatgut mehr dafür gibt, weil die Formel verschütt gegangen ist? Verhungern dann Milliarden weil halt nix mehr sonst wächst?
Das sind Fragen, die wir uns jetzt stellen – aber das Kind ist eben schon in den Brunnen gefallen. Die Zerstörung der Agrarwelt in Indien ist nicht mehr aufzuhalten und im kommenden Jahrhundert werden viele Bauern dort ihr Leben lassen – weil sie sich das Saatgut nicht mehr leisten können aber leider auch sonst nichts mehr dort wachsen kann.
Das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen beim menschlichen Erbgut. 2007 hat eine Firma das Patentrecht auf einen Teil des menschlichen Erbgutes erworben. Was macht die damit? Warum will die das? Noch kann man einschreiten aber wer weiß? Vielleicht werden in 100 Jahren Menschen nur noch in der Lage sein, sich mit Sperma dieser Firma fortzupflanzen gegen eine saftige Gebühr? Und vielleicht können die Kinder dann auch nur noch das Food der Firma essen weil ihr Magen mit einem normalen Weizen überfordert ist. Ist toll für die Firma weil das verspricht Milliardengewinne. Ist halt scheiße für die Leute.
Fragen dieser Art sollte man aber nicht stellen, weil das hält den Betrieb auf. Und das ist eigentlich ein Problem.

Corneliya: Ok, stimmt. Aber ich finde Du ignorierst einen kleinen Unterschied, der meiner Meinung nach – nicht immer, aber doch manchmal – existiert. Ein Forscher kann sich, wenn er viel Glück hat, aussuchen, ob er nun für Monsanto arbeitet oder für einen anderen Verein, sei es eine Uni, ein staatliches Forschungslabor oder ein privates. (Monsanto zahlt besser). So, wenn er für Monsanto arbeitet, kann er sich eh nicht mehr entscheiden, ob er nun eine Erkenntnis macht oder es sein lässt. Ich meine, ich kann natürlich für eine Zeit die Forschung sabotieren, werde gefeuert und krieg nie wieder einen Job. Oder ich arbeite sagen wir an der Uni. Um das tun zu können, brauche ich Forschungsgelder. Dafür muss ich die „Motivation“ meiner Forschung so definieren, dass irgendjemand das für eine Geld bringende Information hält. Grundlagenforschung wird nun mal nicht finanziert, Dinge, die kein Geld bringen, auch nicht. Und genau das steht dann natürlich auch im Artikel, weil Mister Finanzierer da ja drüberliest, um „Geheimhaltung“ zu gewährleisten. Ist ja nicht Deine Arbeit, gehört ja dem Finanzierer. Also hab ich die Wahl, ob ich meine Forschungsergebnisse so präsentiere, dass es dem Geldscheffeln nützlich ist, oder ob ich mir wieder einen Kellnerinnenjob suche.
Ja, gerade in der Industrie geht es nur ums Geldscheffeln, ist ja nichts neues. Aber wenn ich als Forscher arbeite, dann kann ich meine Erkenntnisse gar nicht zurückhalten, selbst wenn ich es wollte. Dann müsste ich aufhören, zu arbeiten.
Es stimmt, wenn ich für Monsanto arbeite, weiß ich, dass meine Forschungsergebnisse nicht direkt den Frieden auf Erden fördern werden. Aber jetzt haben wir ein Abgrenzungsproblem. Wenn ich für TycoElectronics arbeite, fließt ein Teil meiner Arbeit in die Kriegsindustrie. Ein anderer Teil sorgt dafür, dass Leute mit Strom versorgt werden. Ist das jetzt auch schlecht? und wenn ich für die Uni arbeite, finanziert mich eh jemand anderes, selbes Problem. Wenn Geld eben doch stinkt, hab ich nur die Wahl, überhaupt nicht zu forschen, aber zu forschen und meine Ergebnisse nicht zu präsentieren, weil jemand sie missbrauchen könnte (und die Möglichkeit besteht nun mal immer, tut mir leid), die Möglichkeit hab ich nicht. Also ist nur noch die Frage: forsche ich, mit dem Risiko, dass jemand meine Ergebnisse missbraucht, oder forsche ich nicht, mit der Gewissheit dass niemand meine Ergebnisse missbraucht, aber dafür als Fußabtreter eines Chefs, dem es buchstäblich schnuppe ist, ob ich oder der Rest der Menschheit verreckt.
Zurück zum Thema: ich weiß nicht, wie Du Dir das vorstellst, dass man Wissen zurückhalten soll? Ich kann mir das nicht vorstellen, wie das gehen soll. Mal ganz abgesehen von Monsanto, ich kann den laden auch nicht leiden, aber mir fällt zu denen jetzt einfach kein Beispiel ein, wie ich das erklären könnte, was ich meine

Lastknightnik: Welchen Unterschied ignoriere ich denn nun? Natürlich kann ich mir als Forscher das nicht immer aussuchen – genau da liegt aber doch der Hund begraben. Da die Forschung davon abhängig ist, wer sie finanziert gibt es keine ethische Entscheidung, sondern nur eine Ökonomische. Wäre die Forschung unabhängig, oder sagen wir einfach, von der Gesellschaft direkt finanziert, gäbe es die vielleicht schon eher. Unabhängige Forschung wird aber zurückgedrängt indem die Wirtschaft dafür sorgt, daß die Parlamente weniger Geld dafür bereitstellen (können). Ob das ein bewußter Plan ist vermag ich nicht zu sagen, ich lehne Verschwörungstheorien einfach ab und bezweifle zudem, daß ein BWL-Lobbyist im Auftrag der Deutschen Bank schlichtweg den Weit- und Überblick hat um derartige Makrozusammenhänge zu erkennen.
Wissen zurückhalten? Hm… also wenn in eine bestimmte Richtung geforscht wird und das Ergebnis ist irgendwie Null… dann wird das in der Regel zumindest eine Weile lang nicht angetastet. Aber vom Zurückhalten von Wissen sprach ich doch nicht. Nur vom verantwortungsvollen Umgang damit, lies nochmal nach. Daß man Wissen unterdrücken oder Verhindern kann glaube ich auch nicht – aber man kann ihm gleich einen entsprechenden Beigeschmack verpassen. Heute, wenn jemand mit Verstand über Atomkraft nachdenkt, denkt er auch immer gleich an die Gefährlichkeit der Technologie. Das schränkt zumindest hier in Deutschland den Umgang damit einfach ein.
Ich sage nicht, daß das eine perfekte Lösung ist weil das gibt es nicht. Aber es ist eine Chance. Man sagt Kindern, daß Autos gefährlich sind. Und diese immerwährende Warnung sorgt – meistens – dafür, daß sie vorsichtiger über die Straße gehen.

Corneliya: Ich finde, Du hast zumindest bis zu diesem Kommentar den Forscher und den Anwender über einen Kamm geschoren. Gut, die Finanzierung der Forschung durch die Wirtschaft hate ich auch für total bescheuert und nicht nur aus ethischen Gründen. Und ich finde man könnte hier einfach mal weitergehen und sagen, dass ich diese Geldgeilheit schon in der Gesellschaft für schlimm genug halte. Es geht immer nur um die Kohle, für die Leute privat ebenso wie für die Manager von Firmen und Lobbyisten. Selbst wenn die Forschung aber unabhängig wäre, hättest Du immer Forscher, die die Reichweite ihrer Erkenntnisse nicht erfassen können, und solche, denen es völlig wurscht ist, weil ihnen die Unsterblichkeit auf Erden wichtiger ist als das Himmelsreich, um das ganze mal etwas melodramatisch zu formulieren.
Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass Du wesentlich mehr Vertrauen in Menschen hast als ich… Also, ich glaube es ist völlig egal, welchen Beigeschmack Du Deiner Veröffentlichung gibst, es wird immer Idioten geben, die das a) überlesen, weil wir ja in der Kurzinfos und bloß nichts länger als 4 Seiten Zeit sind b) sich davon nicht abschrecken lassen. Du unterstellst der Mehrheit der Menschen ein bisschen mehr skrupel als ich für realistisch halte. Wenn jemand mit Verstand über die Genforschung nachdenke, ist ihm die Gefahr auch bewusst. Aber wenn jemand ohne Verstand über die Atombombe nachdenkt, dann landen wir nur bei „solange die nicht bei uns fällt, mir doch egal. Aber es ist voll gut, dass wir sie haben, bzw. das wir die Erdkugeln 30 mal häufiger zerstören könnten als die anderen“ Sobald Wissen draußen ist, egal in welcher Form, kann und wird es missbraucht werden. Außerdem: begründet werden Forschungsprojekte immer mit Medizin. Finanziert werden sie aus militärischen Beweggründen. Ein Beispiel: IR Sensoren haben im Motivationsschreiben und in der Publikation immer das Thema Solarzellen und Medizin drin (man kann anscheinend alles für Medizin verwenden, frag mich nicht), aber Du glaubst doch nicht im Ernst, dass dann niemand auf die Idee kommt, damit Hirtenjungen in der Nacht abzuknallen, weil es ja bestimmt böse Guerillakämpfer sind, deren Signal man da auffängt?

Lastknightnik: Hm… also über einen Kamm geschoren habe ich sie nicht. Guck mal weiter oben nach der Schuldfrage… Nebenbei würde eine Firma, die unethischen Kram erforschen lassen will, blöd schauen wenn keiner Mitmachen würde, oder? Das nur so nebenbei zur Moral der Forschenden….
Ich muß Vertrauen in Menschen haben – ich bin Demokrat. Wäre das nicht so könnte ich unmöglich für demokratische Wahlen sein, weil dann oftmals nur Unsinn rauskäme. … Na gut, als Bayer oder auch als Deutscher der unter dieser Regierung leidet sollte ich das Maul vielleicht nicht zu voll nehmen aber generell glaube ich schon – muß ich glauben – daß Menschen in ihrem verhalten letztendlich mehr vom Verstand als vom Gefühlsüberschwang gelenkt werden, sonst kann ich das ganze gleich wieder vergessen. Das funktioniert auch mal mehr, mal weniger gut, ja, aber letztendlich ist die Mehrheit doch vernünftig.
Natürlich kann man die Dinge alle mißbrauchen und mir ist schon auch klar, daß ethische Beweggründe gerne einmal vorgeschoben werden. Das ist nun einmal auch unser Weg, nichts ist perfekt. Würde man aber die vorgeschobenen Gründe wahrnehmen und wirklich cash dafür verlangen kämen vermutlich weniger Mißbrauchsfälle zustande. So klopfen sich alle auf die Schulter: Die Forscher, weil sie einen Weg entdeckt haben die Finanzierung zu sichern, die Industrie, weil sie ein ethisches Argument bekommen hat um ihren Unsinn zu treiben, die Gesellschaft weil sie die Augen vor der Wahrheit verschließen kann und die Börse, weil Forschung völlig unabhängig von Zweck, Ziel oder Inhalt als „Zukunftsinvestition“ belohnt werden kann.

Corneliya: na ja, ich hab in letzter Zeit keine Meinungsumfrage gestartet, aber ich glaube nicht, dass ich die Aussage „die Mehrheit ist vernünftig“ so unterschreiben würde.

Lastknightnik: Naja. Schiller sagte mal: „Vernunft ist die Befähigung des Einzelnen, die Masse hat keinen Verstand.“
Da ist schon etwas dran, liegt aber auch daran, daß Massen in der Lage sind, Gefühle zu teilen, eine sehr einzigartige Fähigkeit, wenn man mal drüber nachdenkt. Dennoch fußt die Demokratie auf der Idee, daß jeder Bürger die Bildung erhält und die Urteilskraft besitzt, eine Entscheidung über den Weg in die Zukunft seiner ganzen Gesellschaft zu treffen. Das entscheidende ist allerdings die Bildung dazu – und natürlich das Interesse. Beides wird allerdings zur Zeit massiv von Werbung und Massenunterhaltung behindert oder eingegrenzt – das letzte echt politische Zeitalter war die 68er Bewegung und die hat weder Regierenden, noch der Industrie geschmeckt. In den 80ern gabs das hier in Deutschland noch einmal rund um das System Kohl und die Atomkraft, aber dann schlief es ein. Die Occupy-Bewegung versucht genau das wiederzubeleben, nur mal so als Beispiel.

An dieser Stelle schwenkte die Diskussion wieder woanders hin, daher beende ich hiermit den Ausschnitt. 😉