Interessante Ideen sollte man unterstützen

Es sterben die Zeitungen. Am Internet. Liest man jedenfalls viel. Springer reagiert darauf mit Mauerbau, andere mit überbordender Werbung und die meisten wollen Unterstützung durch den Staat (Stichwort: Leistungsschutzrecht). Aber einige sagen sich auch: „Machen wir es anders. Probieren wir’s doch mal mit Qualität.“

Der „Krautreporter“ ist am Start – eine Online-Journalismus Plattform, die sich das Ziel gesteckt hat in 30 Tagen rund 15.000 Unterstützer zu sichern, die mit jeweils 60€ ein Jahresabonnement kaufen. Gestoßen bin ich auf das Portal über den wundervollen Bildblog, und gerade eben habe ich mir auch ein Abo geleistet.

DIe Idee klingt nämlich gut: Wenige, dafür gehaltvolle Beiträge, die auf ein Onlinepublikum zugeschnitten sind, werbefrei anzubieten – dafür aber gegen ein bißchen Geld. Fünf Euro im Monat. Wenn ich mir überlege, wie sehr mich Online-Werbung nervt, bin ich mehr als bereit, ein bißchen Geld in so eine Idee zu stecken.

Zugegeben, was genau die Herren und (die paar) Damen bringen wollen, weiß ich noch nicht. Vielleicht ärgere ich mich auch nach zwei Monaten darüber. Andererseits finde zumindest ich persönlich die Namensgebung recht witzig, weil er viele Assoziationen wecken kann (mit der Meinung stehe ich aber wahrscheinlich alleine; Fast in jedem Bericht über das Thema finden sich in den Kommentaren haufenweise Leute die der Meinung sind, so ein Name verkaufe sich nicht. Zugegeben – der etwas zwanghafte Link zu „crowd“ wäre mir auch nicht gekommen. Aber „ins Kraut schießen“ schon eher…) und finde außerdem das Ziel gut. Vielleicht muß man einmal im Jahr als interessierter Mensch ein paar Euro investieren – vielleicht geht das dann nur in jedem zweiten Fall gut. Mag ja sein. Aber wenn niemand bei sowas mitmacht begraben wir die guten Ideen mit den schlechten zusammen – und irgendwie glaube ich nicht, daß das Vorteile bringt.

„Krautreporter“ ist nicht gerade eine deutsche Erfindung – ein derartiges Portal gibt es auch in den Niederlanden – den de Correspondent. Da hat es geklappt, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Dennoch – das Projekt ist nun oft zu lesen und zu hören in der „Netzwelt“, wesentlich seltener in den etablierten Medien. Es gibt reihenweise Leute, die Konzept, Idee, Prinzip oder Ausführung nicht mögen oder wenigstens von der Kommunikation enttäuscht sind und Enthusiasten, die sich auf eine neue Zukunft freuen, endlich vom ökonomischen Zwang wegkommen oder einfach mal eine neue Idee ausprobieren wollen. Dazwischen sind einige, die einfach mal abwarten.

Ich bin dafür, der Idee eine Chance zu geben. Wenn Sie mit mir da einer Meinung sind, können Sie ja unter krautreporter.de mitmachen. Eine Bedingung gibt es: Sie müssen über eine Kreditkarte verfügen.

Die Chancen für einen Erfolg stehen nicht unbedingt schlecht – heute ist der zweite Tag der Kampagne und bis zu diesem Zeitpunkt sind schon 2917 Unterstützer zusammengekommen. Das Tempo wird sich zwar nicht halten lassen – aber es sind noch 29 Tage Zeit.

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Proteste in der Türkei, Stille bei uns

Die Sueddeutsche Zeitung verlinkt heute einen Beitrag, der sich um die Proteste gegen ein neues Gesetz in der Türkei wenden; Hierbei soll nach Angaben des Videos die Netzneutralität in Frage gestellt werden – angeblich zur besseren Überwachung der Privatsphäre der Nutzer.

Was in der Türkei zu Protesten führt wird in der Europäischen Union ganz nach deutschem Maßstab achselzuckend hingenommen. Vielleicht, weil es nicht die Regierung ist, die davon profitiert. Aber der Reihe nach.

Die Europäische Union bereitet ein Gesetz vor, nach dem Anbieter von ihnen bestimmte Datenpakete schneller als andere über das Internet transportieren dürfen. Am 27. Februar wird darüber abgestimmt.

Dahinter steckt nun nicht ein großer, böser Staat sondern die Telekommunikationsfirmen, die dann Datenpakete schneller oder weniger schnell transportieren dürfen. In den USA hat das schon einmal geklappt, allerdings könnte dort die FCC noch einmal einschreiten. Das hat gleich mehrere Dinge zur Folge:

  1. Die Netzneutralität schwindet, da künftig natürlich die eigenen Angebote der Provider und die Angebote derer, die einen Provider schmieren dafür bezahlen, schneller transportiert werden. Das bedeutet, daß junge Start-Up Unternehmen zum beispiel ausgebremst werden weil die sich das nicht leisten können. Profiteuere sind die Branchenriesen – egal in welcher Branche. Ein Beispiel: Sie möchten völlig legal ein Video im Internet ansehen. Dazu haben sie nicht beim Branchenriesen Amazon ein Konto, sondern haben einen Vertrag mit einer kleinen legalen Online-Videothek. Die kann sich es aber nicht leisten, Ihren Provider zu schmiebezahlen, schon funktioniert es nicht mehr, weil die Bandbreite nicht mehr gegeben ist – es sei denn, Sie als Kunde leisten sich einen entsprechend teueren Anschluß.
  2. Wie ist das denn mit Nachrichten? Die ohnehin schon recht überschaubare Vielfalt unserer Medien wird einen entsprechenden Dämpfer erhalten, wenn nur noch Premium-Kunden einen vernünftigen Video-Stream sehen können oder der Aufbau einer Nachrichtenseite dank der unüberschaubaren Werbemenge in die Minuten geht und jeder Nutzer entnervt das Handtuch schmeißt. Im Ergebnis sind dann weniger Newsseiten entsprechend verfügbar – die konservativen Meinungsmacher rund um Bertelsmann und Springer werden sich schon die Hände reiben. Denn sie wissen, daß viele Bürger sich sagen „Taz zahl ich nicht, kann ich nicht“.
  3. Informationsseiten wie Wikipedia zum Beispiel könnten ebenfalls im Zugang erschwert werden, wenn das, was dort steht, den richtigen Leuten nicht gefällt – beispielsweise Skandale aufgelistet werden. Netzneutralität sieht anders aus.

Man kann sich aber wehren – es gibt eine Kampagne die auch darauf abzielt, daß man den eigenen Abgeordneten entsprechend informiert über die Stimmung im Land. Sie hat klare Forderungen:

  • Wir wollen kein Zwei-Klassen-Internet, alle Datenpakte sollten gleich behandelt werden. Artikel 19 muss gestrichen werden.
  • Private Unternehmen dürfen im Netz nicht zum Richter und Vollstrecker werden. Netzsperren zur nicht näher definierten „schweren“ Verbrechensbekämpfung sind nicht der richtige Weg. Artikel 23.5.a muss fallen.
  • Europa ist Friedensnobelpreisträger – die Glaubwürdigkeit der EU als Menschenrechtsakteur sollte nicht durch die Einführung einer Zensurinfrastruktur verspielt werden, die wir in anderen Teilen der Welt kritisieren.
  • Um Schaden oder Zusatzkosten vom offenen Internet abzuwenden, muss die Definition von „spezialisierten Diensten“ alle Dienste des offenen Internets klar ausschließen (Artikel 2.15)
  • Wo in der Verordnung von den „Freiheiten“ der Nutzer gesprochen wird muss von den „Rechten“ die Rede sein (Artikel 23)

und empfiehlt, den Abgeordneten anzurufen oder ihm eine EMail zu schreiben. Für Deutschland sitzen 99 Abgeordnete im Europäischen Parlament, für Bayern alleine sind es immerhin 8 Stück. Schreiben Sie sie doch gleich mal direkt an, gar nicht als Einheitsmail sondern individuell. Leider sind alle bayerischen Abgeordneten CSU’ler (Darunter der gruselige Herr Posselt), mithin also nicht sonderlich am Bürgerwillen interessiert, aber dennoch können einige (hundert) Emails vielleicht etwas bewirken. Im Zweifel gibt es ja immer noch den Präsidenten des Parlamentes, Martin Schulz.

Die folgenden Argumente zitiere ich von der Kampagnenseite Savetheinternet.org/de

Argumente

kein Zwei-Klassen-Internet

Um Schaden oder Zusatzkosten vom offenen Internet abzuwenden, muss die Definition von Specialised Service alle Dienste des offenen Internets ausschließen.

Internetprovider versuchen seit Jahren Specialised Services – wie HD-Video oder Online-Telefonie – getrennt vom Internet bei garantierten Geschwindigkeiten für Nutzung in der Industrie zu vermarkten. Solange diese Dienste getrennt von Internet angeboten werden und nicht die Internet Qualität stören sehen wir darin auch kein Problem.

Derzeit beinhaltet der Vorschlag aber keine genaue Definition von „Specialised Services“, daher kann dieser Begriff auch ziemlich breit interpretiert werden. Es droht daher, dass ein Zwei-Klassen-Internet geschaffen wird, wo manche Dienste priorisiert, während andere wiederum gebremst werden. So könnte die Freiheit der Kommunikation und die Möglichkeiten und Vorteile des Internets beschränkt werden. (Artikel 2.15)

Beispiel: Viele Mobilfunkanbieter bieten derzeit unbeschränkten Zugang zu Facebook an, während alle anderen Dienste einem beschränkten Datenvolumen unterliegen. Die derzeitige Definition von „Specialised Services“ erlaubt Angebote, die den Markt für mögliche Konkurrenzdienste beschränken und daher die freie Wahl der Dienste, aber auch die Innovation im Internet bremsen wird.

Was wir brauchen ist eine klare Definition, damit solche „Dienste“ nicht anboten werden können, die auch im Internet existieren und selbst dann nur auf Netzwerken, die komplett vom Internet getrennt sind. Die Vereinigung aller europäischen Telekommunikationsregulierungsbehörden (BEREC) empfiehlt, dass „Specialised Services“ getrennt vom „Best Effort Internet“ nur innerhalb des Netzwerkes des Internetanbieters angeboten dürfen werden sollen. Der Vorschlag der Kommission ist nicht nur bei weitem schwammiger in der Definition, sondern erweitert den Text um Begriffe wie „substantially“, „general“ und „widely“, die nicht definiert sind und weitere juristische Unsicherheiten bergen. Damit das Zwei-Klassen-Internet auch auf Anbieter Seite verhindert wird muss Artikel 19 restlos gestrichen werden.

Internetzensur

Private Unternehmen dürfen im Netz nicht zum Richter und Vollstrecker werden. Netzsperren zur Verbrechensbekämpfung sind nicht der richtige Weg.

Die Verordnung ermöglicht es Internetprovidern Inhalte im Netz zu zensieren um „um einer Rechtsvorschrift oder einem Gerichtsbeschluss nachzukommen oder um schwere Verbrechen abzuwehren oder zu verhindern„. Damit sind Netzsperren auch ohne konkretes Gesetz oder Richterliche Anordnung möglich, es gibt also gar keine Rechtsstaatlichen Kontrollen mehr. Was ein „schweres Verbrechen“ sein soll wird mit dem Gesetz gar nicht definiert, es ist also zu befürchten, dass auch Urheberrechtsverletzungen darunter fallen. Zuletzt deutet auch die Wortwahl „abzuwehren oder zu verhindern“ auf das präventive Sperren von Seiten noch bevor überhaupt ein „Verbrechen“ passiert ist. (Artikel 23.5).

Beispiel: In Großbritannien haben Internetprovider Maßnahmen gesetzt, die Benutzern ermöglicht auf freiwilliger Basis ihre Nutzung des Internets einzuschränken. Im Jahr 2012 wurden damit auch Seiten wie die der französischen Menschenrechtsorganisation La Quadrature du Net blockiert.

Was wir brauchen ist eine Abänderung, die diesen gefährlichen Paragraphen, der die Kommunikation im Internet massiv verändern könnte und unserer Meinung nach eine Verletzung des Artikels 52 der Charta der Grundrechte der EU darstellt, ein für alle Mal entfernt.

Rechte der Nutzer

Wo in der Verordnung von den “Freiheiten” der Nutzer gesprochen wird muss von den “Rechten” die Rede sein.

Der Kommissionsvorschlag würde den Nutzern die „Freiheit“ geben diskriminierende Dienste zu nutzen. Diese „Freiheit“ hat nicht nur für die Internetnutzer negative Konsequenzen, sondern auch für das innovative Ökosystem im Internet. Nutzer brauchen keine Rechte aus einer Vielzahl an verwirrenden Angeboten zu wählen, sondern sie brauchen einklagbare Rechte auch den Service zu bekommen, für den sie bezahlen. (Artikel 23).

Beispiel: Schätzungen zufolge zahlen britische Kunden derzeit ca. 5 Milliarden Pfund zu viel, aufgrund der „Freiheit“ zwischen vielen verschiedenen, verwirrenden Optionen zu wählen.

Was wir brauchen ist eine Änderung des Textes, damit Internetprovider diskriminierende Dienste nicht anbieten dürfen.

Zum Schluß nochmal der „Elektrische Reporter“

Manchmal ist es zum Lachen

Normalerweise schreibe ich ja nicht über das Blatt. Aber diesmal konnte ich es mir nicht verkneifen. Es gibt wohl kaum ein anderes Medium, welches sich derart penetrant mit dem Schüren von Ängsten bei Eltern beschäftigt, wie das Springer-Vorzeigeprodukt.

Bild und Facebook: Das ist eine Hassliebe, ähnlich wie generell das ganze böse Internet und die Bildzeitung als Verfechter der guten Sache. Man betrachte mal kurz folgende Schlagzeilen:

  • Facebook-Party auf Sylt eskaliert (21.5.2013)
  • Jugendlicher feiert Geburtstag: Randale bei Facebook-Party (31.3.2013)
  • Haus nach «Facebook»-Party verwüstet (11.2.2013)
  • Facebook-Party kostet 218 000 Euro (9.2.2013)
  • Trotz Warnungen! Jugendliche verwüsten Haus bei Facebook-Party (12.12.2012)
  • Erlangen verbietet Facebook-Party
  • Randale verhindert! Dresdner Polizei löst Facebook-Party auf

Insgesamt 150 Treffer bietet alleine der Begriff „Facebook-Party“ bei Bild.de. Was ein Zufall. Besonders das Verbot der vermeintlichen Krawall-Party (auch wieder so ein Begriff!) in Dresden liefert zig Artikel. Das machen natürlich auch andere unseriöse und seriösere Medien ganz gern. Je nach Kundschaft kann auch das Besäufnis von 60 Personen schon mal als „Facebook-Party“ gelten, auch wenn man das grad in Bayern sonst Volksfest nennt.

Der MDR brachte gestern, am 27.5., eine Meldung über „geschockte Eltern“. Sowas ist natürlich noch nie dagewesen, die 60er und 70er Jahre sind für das vorbildliche Verhalten ihrer Jugend ja schon öfter ausgezeichnet worden. Das sind heute oftmals dann die „geschockten Eltern“, aber wir wollen ja nicht nachtragend sein. Das werden wir lieber dann, wenn diese Generation, die uns ja immer erzählt hat, daß man vom fremden Mann keine Schokolade nehmen darf, auf eine Kaffeefahrt mitfahren…

Soweit so langweilig. Wo wollte ich eigentlich hin? Ach ja, die Aufbereitung bei Bild. Die funktioniert so:

Überschrift: Drama und entsetzen!

Überschrift: Drama und Entsetzen!

Unterschrift: Auch schon dabei?

Unterschrift: Auch schon dabei?

😉

Was mich eigentlich so fasziniert ist, daß es dieser „Zeitung“ gelingt, den Lesern den Link zu verkaufen, derartiges hätte es noch nie gegeben und sei letztendlich die Schuld von diesem neumodischen Facebook. Das dann mit Facebook-Werbung zu kombinieren ist eben lustig…

P.S.: Weils mir grad erst jetzt aufgefallen ist: Im Folgeartikel ist natürlich auch eine Klickstrecke mit schrecklichen Bildern zu sehen. Und die 15-Jährige (!), die dazu eingeladen hatte. Unverpixelt. Es lebe der Pranger.

Moderner Sport

Einer der Bostoner Attentäter ist tot, ein weiterer befindet sich noch auf der Flucht – so schreiben es die Medien. Die etwas seriöseren sind immerhin so mutig, ein „mutmaßlich“ vor den „Attentäter“ zu schreiben. Im Internet verfolgen zehntausende Menschen live die Jagd – ein Sportereignis, bei dem das leben von Menschen auf dem Spiel steht.

Nur um das klarzustellen – ich habe nichts übrig für Terrorismus. Dennoch muß ich mich fragen wohin sich unsere Gesellschaft da entwickelt, wenn wir im Internet live den Polizeifunk mitverfolgen können und die Informationen in Form von Bildern, Twitterkommentaren und Webcams schneller ins globale Netz geraten, als sie verarbeitet werden können.

So ist dabei zum Beispiel ein Mann verhaftet worden und alles überschlug sich mit Kommentaren von „Jetzt haben sie ihn“ bis hin zu „sie hätten ihn gleich abknallen sollen“. Natürlich sind die Bilder des Verdächtigen unverpixelt durchs Netz gegangen. Einige Zeit später drang – nur mühsam weil die Actionreichen Bilder spannender sind – die Meldung durch, daß der Verhaftete unschuldig und wieder auf freiem Fuß ist.

Nachdem die klassischen Medien in dieser schönen neuen Welt keine ernstzunehmende Rolle mehr spielen versuchen sie verzweifelt ihre Bedeutung zu erhalten, indem sie noch hysterischer reagieren und das Ganze auch noch stilistisch in Richtung Krimi aufbereiten: Ein Actionkracher zum Nachlesen auf Sueddeutsche.de….

Vor dem heimischen Computer und tausende Kilometer entfernt vom Geschehen sitzen jetzt tatsächlich Leute mit einer Tüte Popcorn und verfolgen, wie Menschen ums Leben kommen – mutmaßliche Attentäter wie Polizisten. Das ganze Spektakel ist ein bißchen wie der Umkehrschluß zum erreichten Ziel der Terroristen: Da dank hunderter Kameras in jedem Handy die Bilder und Videos vom Anschlag zum Teil schneller im Netz waren als Rettungskräfte vor Ort wirkt der Anschlag bedeutend intensiver und der verbreitete Terror kann noch effektiver seine Wirkung entfalten, wie auch manche Medien kritisch anmerkten und deswegen auf derartige Bilder verzichten. Andere wiederum versuchen eher scheinheilig mit dem Wahrheitsargument die Tatsache zu verschleiern, daß es letztendlich um Auflage geht.
Gleichsam ein Heilmittel dagegen nun das Spektakel um die Jagd nach den Attentätern – Gut gegen Böse, live und ohne zu hinterfragen werden die wildesten Spekulationen und Gerüchte mit einer Art Unterhaltungsprogramm vermengt – die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmt.

So richtig in Worte fassen kann ich das nicht, aber irgendwie ist das alles ziemlich gruselig….

Sterben die Spielezeitschriften?

Ich weiß noch genau, wie ich mir mit 13 Jahren eine PC Games kaufte – damals noch mit Cover-Diskette. Die Demo darauf war zu dem Spiel „Aladdin“, Es war meine erste Begegnung mit einer Spielezeitschrift, der ich – mit einer Pause von etwa einem Jahr  – bis heute treu geblieben bin.

Kürzlich fiel mir etwas entnervend auf, daß die PC Games keine Cover für ihre DvD’s mehr beilegt, mit deren Hilfe man sie so angenehm sortieren konnte. Das ließ mich die Frage stellen, ob die Zeitschrift denn irgendwie auf dem absteigenden Ast ist. Schließlich nennt sie sich ja auch nicht mehr „Deutschlands meistverkauftes Spielemagazin.“

Ein Blick in die Wikipedia zeigt mir, daß die drei größten Spielemagazine tatsächlich rapide sinkende Auflagen haben: die PC Games von 363.608 Exemplaren (viertes Quartal 1999) auf 63.384 Exemplare (viertes Quartal 2012), die GameStar von 331.535 Exemplaren (viertes Quartal 1999) auf 94.235 Exemplare (viertes Quartal 2012) und schließlich die PC Action von 157.119 Exemplaren (viertes Quartal 1999) auf 34.980 Exemplare (viertes Quartal 2012).

Nun kennt die Spielemagazinsparte eine Menge „Eintagsfliegen“, die PC Player, die Powerplay, die PC Joker und viele andere…. wobei der Begriff „Eintagsfliegen“ hier ziemlich boshaft ist. Viele dieser Zeitschriften kämpften schwer ums Überleben und das ziemlich lange… und ziemlich kräftig.

Was also könnte der Grund für ihr sterben sein? Vielleicht die Allgegenwart des Internets? Ja, das halte ich für einen ziemlich zutreffenden Grund. Ich gucke mich gerne um und sehe auf meine Ordner mit den gesammelten Komplettlösungen zu Computerspielen. Gibt es schon ewig nicht mehr in der Zeitschrift, alleine schon weil das Internet davon fast überquillt. Cheatseiten? Liebevoll gesammelt, heute überflüssig. Schon das Mitbringsel der Demoversionen neigt zum Quatsch, nachdem man das Zeug auch problemlos vom Hersteller downloaden kann.

Bleiben die beiden einzigen echten Zwecke, zu denen man derartige Zeitschriften noch braucht: Der Werbeeffekt… und die Werbung. Das ist natürlich boshaft. Ich persönlich beispielsweise lese gerne als erstes die Rumpelkammer und dann die drei, vier Spieleartikel, die mich eventuell interessieren – außerdem alles von Petra Fröhlich. Ich gestehe aber gern, daß das ein bißchen auch daran liegt, daß ich mich um die Debatte einer „weniger bekleideten“ Petra Maueröder noch gut entsinnen kann.
Tatsächlich ist der Zweck derartiger Zeitschriften und der dazugehörigen Test-Artikel hauptsächlich darin geschuldet, daß die Spielehersteller letztendlich kostengünstige Werbung haben möchten. Damit das nicht allzusehr auffällt, werden auch gerne eine Menge sichtlich schrottiger Spiele getestet…. selten erlebt man mal den Fall, daß ein vorher vom Verlag hochgejazztes Spiel plötzlich doch durchfällt. Natürlich gibt es kritische Elemente, keine Frage, aber den einen oder anderen wohlwollenden Kommentar für die Rückseite des Kartons ließ sich immer finden….

Nun will ich auch nicht ungerecht sein. Ein wesentliches Merkmal der Zeitschriften ist es nun auch, den Überblick über den Markt aufzuzeigen. Ein ebenso wesentlicher Grund – neben Rossies Rumpelkammer – warum ich die Zeitschrift noch immer beziehe. Es hilft mir ein bißchen, auf einem Sektor, der nach und nach anfängt uninteressant zu werden, hauptsächlich weil sich all die neueren Entwicklungen entweder in Richtung MMORPG, oder in Richtung möglichst flacher Story zwecks RTL-Publikum bewegen, up to date zu bleiben. Es gibt dahingehend natürlich löbliche Ausnahmen, aber etwas so fesselndes wie Privateer 2  oder die Wing Commander Reihe – oder gar so etwas unglaublich interessantes wie Leviathan – habe ich kaum mehr gefunden. Vielleicht die Elder-Scrolls Reihe noch….

Tatsächlich dürfte diese Entwicklung mit zum Niedergang der Zeitschriften führen. Abgesehen vom immer größeren Online-Zwang durch die Spielehersteller (Wie z.B. Steam), den die Zeitschriften zwischendrin sogar massiv befeuerten, dürfte dahinter auch etwas anderes stecken: Sie sind zu klug gemacht. Wenn man einen Rainer Rosshirt liest – oder eine Petra Fröhlich – dann erkennt man dahinter jemanden mit dem Wunsch einen guten Text mit richtiger Grammatik und wenigstens einer sekundären Textebene zu bieten. Letztendlich scheinen sie die letzten Verteidiger der halbwegs intellektuellen Schicht der Computerspieler zu vertreten.

Zugegeben – auch das ist boshaft. Besonders die PC Games hat ein gigantisches Online-Angebot. Es ist sehr zweckdienlich…. Es fehlt ihm irgendwie an der menschlichen Komponente, welche die Zeitschrift so liebenswürdig macht. Selbst die Zeitschrift hat ihr Gesicht massiv gewandelt – früher gab es ziemlich kreative Überschriften, heute ist es eher im Berichtstil gehalten. Vielleicht orientiert es sich redaktionell so am Publikum… ich fühle mich da nicht ansortiert.

Vielleicht gehöre ich – gerade als AnfangdreißigerderichbaldeinaltesEisenbin – schon tatsächlich zu den aussterbenden Generationen, bevor ich die Welt überhaupt so richtig mitgestalten durfte; ich schrieb für die Jugendseite der Sueddeutschen und manchmal auch für den regionalen Feuilleton, aber da war ich Heranwachsender und inzwischen gibt es schon kaum solche Teile mehr in den Regionalteilen. Vielleicht bin ich einfach schon zu alt, um zu begreifen, daß es eine veraltete Erwartungshaltung ist, daß sich jemand über ein Computerspiel mit kluger Grammatik oder hintersinnigem Humor äußert und der ganzen Gamerwelt auch mit einer gewissen feinironischen Distanz annähert.

Das letzte Verkaufsargument – und mutmaßlich ein wichtiger Todesstoß in Richtung Preisspirale für den ganzen Sektor – ist das Thema Vollversion. Bei der GameStar lag der früher bei als bei der PC Games und guckt man sich die Verkaufszahlen an weiß man auch genau wann und wo. Anfangs waren das Spieleklassiker und das war eigentlich eine tolle Sache, bekam man doch so manchmal Spiele, die man mit 13 unbedingt haben wollte, sich aber mit 15 noch nicht hätte leisten können plötzlich nachgeschmissen. Aktuell hat die PC Games „Venetica“ dabei, das ist von 2009. Gerade einmal drei Jahre und ein paar Monate alt. Immer aktueller müssen die Spiele sein, dementsprechend teurer werden die Lizenzen werden, und dementsprechend schneller verfallen die Preise der Spiele auf dem freien Markt. Abgesehen davon, daß ich mir durchaus vorstellen könnte, daß ein Spielehersteller auf eine Zeitschrift zu tritt mit einem Angebot von wegen „Guter Test – später günstige Lizenz“ schießt sich die ganze Branche vom Gamedesigner bis zum Tester damit letztendlich selber ins Knie – und wird der Branche auch dahingehend entweder den Todesstoß versetzen oder sie halt zwingen endgültig aufs pure Multiplayergaming umzusatteln.

Letztendlich bleibt mir als Fazit nur die traurige Erkenntnis, daß ich nur noch ein paar Jahre mit meinem allmonatlichen Rossi – und seiner mutmaßlich echten Verachtung für den analphabetischen Teil seiner Leserschaft – habe und irgendwann erleben muß, wie das Ganze dann eingeht. Im Grunde ist das eigentlich interessant, weil derartiges habe ich früher von meinen Großeltern öfter gehört. Die waren da aber ein bißchen älter als Dreißig. Sagt das jetzt was über unsere Zeit aus?

P.S.: Ja, ich habe hier eine nicht aufgeführt: Die ComputerBild Spiele. Die verkauft derzeit ca. 144.956 Exemplare (viertes Quartal 2012), säuft aber auch gegenüber – in dem Fall – 2002 ab, wo es noch 736.077 Exemplare waren. Ehrlich gesagt, wer die mal gelesen hat weiß genau, warum Springer die verlegt und welche Zielgruppe da gemeint ist. Da geht es nicht um Spieler, sondern um Väter die mit Hilfe von ComputerBild wissen, daß man das Stromkabel nicht in die Nase steckt und daß Frau Merkel toll ist und außerdem versuchen, mit den Sprösslingen mitzuhalten. Die bringen es fertig, Killerspiele zu verdammen und einen Shooter im Heft beizulegen. Daher haben die bei dem Thema absolut nix verloren. Das ist endgültig eine reine Werbezeitschrift. Oder Realsatire.