Die Welt der Gegendarstellungen

Im letzten Spiegel (22/2013) erschien passend zur Titelgeschichte ein Artikel von Sven Becker über eine Sexarbeiterin, die als Carmen in Berlin einen unabhängigen Escort-Service anbietet. Dieser Artikel war nach Ansicht der betroffenen Frau derart daneben, daß sie sich zu einer Gegendarstellung hinreißen ließ, die es sogar in den Bildblog schaffte.

Nun lese ich den Spiegel wegen seiner enttäuschenden Unterordnung unter den neoliberalen Zeitgeist nur noch sehr selten, aber diese Gegendarstellung hatte mich dann doch dermaßen beschäftigt, daß ich den betreffenden Artikel gelesen habe.

Wie Carmen vermutet hatte, hat Sven Becker auch tatsächlich seinerseits eine Gegendarstellung im Spiegelblog veröffentlicht und beide Artikel tragen unter sich recht lebhafte Diskussionsbeiträge, die aber den sympatischen Zug der Sachlichkeit tragen. (Ein paar gestörte Trolle aus der christlichen Ecke versuchen zwar auch mitzupielen, werden aber artig ignoriert)

Das Politikfeld „Prostitution in Deutschland“ gehört zu jenen, mit denen ich mich bislang überhaupt noch nicht beschäftigt habe. Über das Thema weiß ich lediglich was über Medien vermittelt wird und gelegentlich in Unterhaltungsmedien wie Filmen oder Romanen.

Diesen Rückstand fange ich nun an, aufzuholen und erfreulicher Weise findet man dank der Links bei Carmen auch eine Menge über die Positionen verschiedener Verbände der Betroffenen sowie der Piratenpartei. Das Thema ist schwierig weil vieles tabuisiert ist und nach wie vor die Gesellschaft Prostitution öffentlich verdammt, während sie zeitgleich wie zu jeder anderen Zeit in der Geschichte der Menschheit völlig selbstverständlich praktiziert wird.

Was an den beiden Gegendarstellungen recht interessant ist, das ist zum Einen, daß Carmen Herrn Becker im Schreibstil m.E. nach um einige Jahre voraus ist – sie schreibt geschliffen und belesen, man merkt einfach ob sich jemand mit Literatur befasst oder nicht. Herrn Beckers Stil ist dagegen deutlich flacher, und das obwohl er damit sein Brot verdient. Ich finde das bemerkenswert.

Das aber eigentlich bemerkenswerte ist der Stil der Präsentation, den der Spiegel hier gewählt hat. Im Grunde wehren sich das Magazin und namentlich Herr Becker sowie Herr Reißmann gegen vermeintliche Falschbehauptungen, wobei hier nachgewiesener Maßen (Lesen Sie mal die Kommentare, insbesonder unter Carmens Beitrag den Kommentar von Kraven, 49. Beitrag) keine Tatsachen umgedreht worden sind – man muß den Text halt nur genau lesen. Das ist im Onlinezeitalter vielleicht ungewöhnlich aber noch schreiben Menschen mitunter richtig gute Sätze, die man genau und bis zum Ende lesen muß, um sie zu verstehen. Daher auch mein Stilkommentar im obrigen Absatz. Es scheint, Herr Becker hat da eine nicht ganz ausreichende Lesekompetenz.

Herr Becker wehrt sich nicht gegen den Vorwurf der tendenziösen Schreibe (mit den Worten: „Mit der restlichen Kritik von Carmen an meinem Text kann ich leben, auch wenn ich sie nicht teile.“), was ich im höchsten Maß beachtenswert finde. Scheint also tatsächlich so zu sein und genau darum zu gehen. Und tatsächlich: Betrachtet man die Seite mal ohne Werbung, bietet sich folgende Aufmachung der Gegendarstellung von Herrn Becker:

SpiegelblogInteressant, nicht wahr? Als Artikelbild wird weder der Autor, noch meinethalben ein Foto des strittigen Artikels oder aber des Artikels, um den es hier geht gebracht, sondern ein Screenshot von der Homepage von Carmen. Die Wirkung auf den Leser, zusammen mit der Überschrift „Bei der Wahrheit bleiben“ ist großartig gemacht, wenn auch alles andere als subtil. „Hure, bleib dem dem waste kannst!“, schreit mir der Spiegel hier hochseriös entgegen und setzt noch eines drauf: Die Subüberschrift ist mittlerweile entfernt, taucht aber noch oben in der Betreffzeile auf:

Spiegelblog 2„Eine Escort-Dame macht Politik: Bei der Wahrheit bleiben.“ Das ist faktisch nicht falsch, aber man sollte sich das schlicht mal auf der Zunge zergehen lassen.

Von daher hat sich für mich wieder einmal bestätigt, daß der Spiegel von einst nicht mehr existiert sondern längst zu einem tendenziösen Medium geworden ist, das sich ebenso wie ein Großteil der restlichen Journaille längst einer gewissen Gesellschaftsklasse andient in der Hoffnung, durch eilfertige Hofberichterstattung ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Da dienen die investigativen Geschichten, die sich manchmal ins Blatt verirren, wohl eher der Ruferhaltung. Schade.

Nachtrag: Einige Blogbeiträge zum Thema (Mit dank an die Hinweisgeber):

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Fundstück der Woche (19. KW): Busreisen

Seit in Deutschland der Reiseverkehr mit Bussen erlaubt ist, hat die Bahn endlich Konkurrenz bekommen. Und das scheint auch nötig, wie diese erschütternde Geschichte zeigt. Davon sollte man sich allerdings nicht den Tag vermiesen lassen. Hier ein paar Buswerbespots, die zum Lachen anregen.

Wahlsonntag

Gleich drei recht bedeutende Wahlen hat der heutige Sonntag gesehen. Ich möchte auf alle drei kurz eingehen, allerdings speziell auf die Nachdenkseiten verweisen, die sich diesen Themen deutlich intensiver annehmen werden. Alle drei Wahlen senden Signale aus – und nicht nur gute.

1. Frankreich: Die Wahl des François Hollande
Frankreich hat gewählt und mit einer knappen Mehrheit konnte erstmals seit siebzehn Jahren wieder ein Sozialist in den Élysée-Palast einziehen. Sarkozy hatte letztendlich zwar eine Wechselstimmung gegen sich, aber dennoch war das Ergebnis (48,38% <-> 51,62%) denkbar knapp. Die Beteiligung lag mit etwas mehr als 80% der Stimmen auch recht hoch, wenngleich niedriger als 2007 (knapp 84%) als Sarkozy sich gegen Ségolène Royal durchsetzte.
Bereits kurz nachdem das Ergebnis einigermaßen feststand tat sich der „Spiegel“ recht interessant mit einem Kommentar hervor, der letztendlich besagt daß die Sozialisten und ihr Präsident mit den Träumereien nun aufhören müssen. Nun sei wieder Realität angesagt und das im Artikel nicht benutzte Wort „alternativlos“ schwebt trotzdem irgendwie darüber. Tatsächlich ist Frankreich in einer recht schwierigen Lage aber die Losung „weniger Staat – Mehr Eigenverantwortung“ wird kaum einen Jugendlichen aus dem Pariser Ghetto in Lohn und Brot bringen, zumindest, wenn das „deutsche Modell“ Modell stehen soll
Im Gegenteil: Mit Hilfe des Leiharbeitstricks, der Fälschung der Statistik durch sinnlose Fortbildungsmaßnahmen und durch konsequentes Verschweigen der Aufstocker gelingt es der politischen Kaste nach wie vor recht erfolgreich, mit der Losung „Sozial ist, was Arbeit schafft“ Stimmen derer zu fangen, die nicht merken daß wir in Wahrheit zwischen 7 und 8 Millionen Menschen im Land haben, die von Staat unterstützt werden müssen. Arm trotz Arbeit ist längst das eigentlich Problem der „alternativlosen“ Politik. Auch wenn der Spiegel schon wieder Panik verspürt daß die Franzosen diesen Weg nicht gehen wollen – ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen.
Nachtrag: Passend der Kommentar in der Sueddeutschen: „Adieu Wahlkampf – Bonjour Realität

2. Griechenland: Schlappe für die Demokratie
Die Griechen sind ja besonders für den deutschen Boulevard, aber auch für die deutschen Politiker insbesondere der Stammtisch-Fraktionen die Prügelknaben der Wahl. Faul, arbeitslos, sinnlos, nach allgemeiner Ansicht leben Griechen als Schmarotzer eine nicht zweckgebundene Daseinsform und entsprechend werden sie auch behandelt. Ihre eigenen Politiker huschen geduckt im europäischen Haus herum und hoffen, durch den Kotau an der rechten Stelle weitere Hilfen erhalten zu können. Die Quittung haben sie nun kassiert.
Sieger sind die Radikalen Linken mit 16,77% (+12,17%) und die „Unabhängigen Griechen“ mit 10,6% (+10,6%), die als rechtspopulistische gelten. Die Sozialdemokraten verloren über 30%, die Konservativen bleiben stärkste Kraft mit knapp 19%. Bedenklich ist, daß die griechischen Neonazis mit fast 7% ins Parlament eingezogen sind und künftig wohl 21 Mandate erhalten. Wenigstens blieben die Orthodoxen Spinner Volksalarmisten diesmal draußen.
Die nächste Schlappe ist die niedrige Wahlbeteiligung: nur knapp 65% der Wahlberechtigten (in Griechenland sogar Wahlpflichtigen!)  kamen zu den Urnen, ein weiterer Grund dafür, daß es den Radikalen leichter fiel, ins Parlament zu rutschen. Eine Besonderheit am Griechischen Parlamentarismus, nämlich daß die stärkste Fraktion automatisch 50 Sitze mehr erhält sorgt allerdings dafür, daß die Krisenmitverursacher der DN nun mit 108 von 300 Sitzen eine recht große und stabile Fraktion darstellen.
Die „Märkte“ reagierten gleich wieder mit Panik, weil die Bevölkerungen sowohl in Frankreich als auch in Griechenland den unendlichen Sparkurs mitzutragen nicht bereit sind. Dazu hat der Deutschlandfunk ein recht hörenswertes Interview mit dem Präsidenten des Europaparlamentes, dem Sozialdemokraten Martin Schulz, geführt.

3. Schleswig-Holstein: Stell Dir vor es ist Wahl und keiner geht hin.
In Schleswig-Holstein schafft die FDP den Einzug ins Landesparlament, sogar mit dem zweitbesten Ergebnis ihrer Geschichte. Das ist wohl auch nicht verwunderlich, wie Wolfram Müller schreibt, aber man sollte das Ergebnis auch nicht so hoch hängen. Kubicki bläst schon wirklich lange gegen die FDP-Bundesspitze und wird in Medien immer gern als „FDP-Rebell“ (Ob bei Spiegel Online, Welt oder Bild) beschrieben, was dem Wähler natürlich gefällt. Ich glaube, daß die Menschen in S.-H. da eher Kucicki als FDP gewählt haben. Auch wenn die Medien wieder kräftig anschieben (Sogar der Deutschlandfunk!) würde ich mal vorsichtig abwarten, ob die Wahl in NRW davon ernsthaft beeinflußt wird.
Mehr Sorgen macht mir – neben dem schwachen Wahlergebnis für SPD und Linkspartei – die mieserable Wahlbeteiligung. Nur 60,1% gingen überhaupt noch zur Wahl. Die SPD konnte immerhin 1.300 Erststimmen mehr als 2009 verbuchen, die CDU verlor praktisch 100.000 Erst- und noch einmal soviele Zweitstimmen. Hier hat die SPD knapp 4.000 Stimmen mehr zu verzeichnen. Die geringe Wahlbeteiligung dürfte Hauptverursacher sein, daß die FDP trotz eines Verlustes von 101.600 Zweitstimmen (!) ihr „Zweitbestes Ergebnis der Geschichte“ verzeichnen darf. In Wahrheit hat sie die Hälfte ihrer Wähler verloren.
Blickt man in die realen Zahlen (Alle der Veröffentlichung des Statistikamtes Nord zu entnehmen) so stellt man anhand des Zweitstimmenergebnisses fest, daß die einzigen Parteien, die Stimmen hinzugewonnen haben, die SPD (+3.860) und die Piraten (+79.903) sind. Alle anderen haben Stimmenverluste zu verzeichnen. Das spricht Bände über unser Wahlsystem – und Bände über unsere Politiker, die sich am Wahlabend so ziemlich alle auf die Schultern klopften.

Über die Journaille, die das ebenfalls geflissentlich übersieht, sollte man lieber kein Wort verlieren.