Lastknightniks Woche (34/2012)

Wie (fast) jeden Freitag eine kurze Nachschau über die fünf m.E. nach wichtigsten oder interessantesten Geschichten der Woche zur Nachlese.

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Sagen Sie mal, Herr Bohsem…

… haben Sie da irgendeine seltsame Drogenquelle aufgetan? In Ihrem Artikel in der Sueddeutschen Zeitung am Montag vermitteln Sie jedenfalls erfolgreich den Eindruck, komplett weggetreten zu sein. Sie loben den Erfolg von Hartz IV in Worten, die einen mehr oder weniger sprachlos zurücklassen.

Doch hat Hartz IV den Grundsatz verankert, dass es allemal besser sei, für weniger Geld zu arbeiten, als sein Leben in dauerhafter Abhängigkeit vom Staat zu fristen. Das ist ein Erfolg, den selbst die betroffenen Arbeitnehmer bescheinigen werden.“

Aha. Also vor Schröder waren alle Arbeitlosen faul und machten sich einen schönen Lenz auf Ihre Kosten. Jetzt haben sie Angst vor sozialem Abstieg, das verbessert die Lage. Um sowas denken zu können muß einem doch schon schwer was fehlen aber daß Sie sowas auch noch ins Internet stellen finde ich schon schwer beeindruckend. Da möchte ich Ihnen ernsthaft ans Herz legen sich mal Gedanken über strukturelle Arbeitslosigkeit, ihre Gründe und Ursachen zu machen und dann mal aufs Amt zu fahren und sich die Menschen anzusehen, die da so „herumlungern“. Reden Sie da mal mit Menschen und nicht über sie.

Deutschland galt als kranker Mann Europas. Niemand traute der Bundesrepublik eine derartige Kraftanstrengung zu. Heute arbeiten hierzulande mehr Menschen als jemals zuvor.
Aha. Also dieses „kranker Mann“-Gefasel ist ja mein Lieblingsbild. Die seinerzeit Drittmächtigste Industrienation des Planeten redete sich 20 Jahre lang ständig klein, unternahm endlich was gegen das „klein sein“ und ist nun auf Platz vier oder fünf, je nach dem wie man zählt. Bravo.

Und was den zweiten Satz betrifft: Mehr Menschen arbeiten zu weniger Lohn als vorher und müssen vom Steuerzahler aufgestockt werden. In diesem Land, einem der reichsten Länder der Erde, ist es kaum möglich, daß man von einem Job alleine lebt – besonders nicht wenn man eine Familie hat. Wir haben annähernd 8 Millionen Leistungsempfänger in diesem Land, vergessen Sie mal die Arbeitslosen. Menschen, die einen Job haben und um Stütze betteln müssen, die gezwungen werden zu betteln obwohl sie eine Stelle haben, denen schreiben Sie ins Gesicht, daß „es allemal besser sei, für weniger Geld zu arbeiten, als sein Leben in dauerhafter Abhängigkeit vom Staat zu fristen.“

Für so einen wie Sie, der völlig hirnverbrannt die dümmsten Parolen nachplappert ohne einen Funken Eigenintelligenz einzuwerfen gibt es kaum Begrifflichkeiten.  Schämen Sie sich! Schämen Sie sich in Grund und Boden! Sie sind in der falschen Branche, als Pressesprecher beim Hundt hätten Sie sicher mehr Erfolg. Aber daß die – ausgerechnet! – Süddeutsche Zeitung Ihnen für diesen Quark auch noch Platz und vermutlich Zeilengeld gibt, demonstriert den Niedergang des Restjournalismus in diesem Land in besonders effektiver Weise.

Die Hartz – Reformen haben tatsächlich einige strukturelle Probleme angegangen und das ist ja auch gar nicht schlecht. Der Preis aber ist, daß die Einkommensschere in einer Art und Weise auseinandergeglitten ist wie das 1985 sich noch keine hätte vorstellen können. Transportiert hat man soziale Kälte und regelrechten Klassenhaß, den heute die Gesellschaft untereinander empfindet. Bravo.

Nicht „Deutschland“ hat von Hartz-Reformen profitiert, sondern ein paar der oberen Zehntausend die nun für Dumpinglöhne arbeiten lassen und die Statistiker, die für das mittlerweile vollverblödete BILDungsbürgerliche Lager ständig Unsinn von wegen Vollbeschäftigung faseln. Wenn Sie, lieber Guido Bohsem, tatsächlich nicht in der Lage sind, die Statistiken mal richtig zu lesen, nicht in der Lage sind zu erkennen, daß der soziale Wert von Arbeit nur dann erreicht werden kann, wenn man von ihr auch leben kann, dann sollten Sie zurück auf die Grundschule. Vielleicht hilft auch ein bißchen Lektüre, um Politikersprech zu entschlüsseln. Dabei waren Sie doch auch mal ein bisßchen weiter wie man hier sehen kann. Was ist passiert?

Manchmal bleibt nur die Hoffnung….

… so wie in diesem Falle heute im SZ-Forum die Hoffnung bleibt, daß es sich bei dem User „derhumanist“ (Was für ein Gag) nur um einen Troll handelt. Wenn Liberale so denken, dann gibt es keine Liberalen mehr.

Hoffen, daß es kein Liberaler ist, sondern ein Troll

oder so:

Trollhoffnung 02

Fundstück der Woche (34. KW): Zynismus bei der SZ

Die Sueddeutsche Zeitung war ja vor einigen Jahren mal eine halbwegs brauchbare Zeitung. Leider muß man seit der Online-Entwicklung das Präteritum gebrauchen; Selten war der Niedergang einer einstmals großen Zeitung so sichtbar wie bei SZ-Online.

Ob Boulevardesk, schmierig oder peinlich, in der Konkurrenz zu Bild.de lässt sich kaum ein Online-Magazin wirklich lumpen. Der schlimmste Ausreißer dieser Art ist sicherlich Spiegel Online, eine schmierigere Gruppe ist höchstens noch die PARTEI.

Aber heute gibt es wieder etwas schönes bei der Sueddeutschen, was ich gleich zum Fundstück erheben möchte:

Den Lybien-Krieg-Newsticker.

Verfolgen Sie live wie bei jedem Sportereignis wenn Menschen sterben. Das ist die moderne Sueddeutsche Zeitung: Statt investigativ investment…

Von der Publizistik….

Haben Sie schonmal eine Gespensterreise nach Edinburgh gemacht? Ich nicht, war aber schon zwei- oder dreimal da und hab natürlich auch so eine Ghost-Tour mitgemacht was ziemlich lustig ist. Finden wohl auch andere, zum Beispiel die Sueddeutsche, der Spiegel und die Frankfurter Rundschau. Und weil das so einmalig ist kann man dafür anscheinend auch immer nur die gleichen Worte finden…

Heute halten wir mal drei nicht als Anzeige gekennzeichnete Artikel nebeneinander: Aus der SZ, der FR und von SPON. Keines der drei Angebote weist den Text als Marketing-Text aus, auch wenn man unter „Reise“ ja letztlich nichts anderes erwartet. Vergleichen wir doch mal ganz kurz Anfang und Ende der Artikel um einen EIndruck zu bekommen….

SZ-Online FR-Online SPON
15.10.2010, 10:04 22.10.2010 12.10.2010
Schon lange hat sich keine mir unbekannte junge Frau mehr hilfesuchend an mich geklammert. Neulich aber ist es passiert, sogar zweimal hintereinander. Ich muss zugeben, es geschah eher zufällig, weil ich gerade neben ihr stand, und ist mit einer akuten Schrecksituation zu erklären: Wir befanden uns auf einer Geisterjagd durch die Unterwelt der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Schon lange hat sich keine mir unbekannte junge Frau mehr hilfesuchend an mich geklammert. Neulich aber ist es passiert. Ich muss zugeben, es geschah eher, weil ich gerade neben ihr stand, und ist mit einer akuten Schrecksituation zu erklären: Wir befanden uns auf einer Geisterjagd durch die Unterwelt der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Schon lange hat sich keine unbekannte junge Frau mehr hilfesuchend an mich geklammert. Neulich aber ist es passiert. Es geschah zwar zufällig, weil ich gerade neben ihr stand, und war durch einen riesigen Schreck zu erklären: Wir befanden uns auf Geisterjagd durch die Unterwelt der schottischen Hauptstadt Edinburgh.
[…]Es geht auf Mitternacht zu, als wir unsere Jagd unverrichteter Dinge abbrechen. Liz verabschiedet sich von uns allen persönlich. Als sie nach mir die Tür schließen will, weise ich darauf hin, dass hinter mir noch jemand kommt. „Nein, nein“, entgegnet sie. „Sie waren die ganze Zeit der Letzte, da hab‘ ich drauf geachtet. Sehr mutig!“ Die Tür fällt ins Schloss. Für einen Augenblick bleibe ich noch stehen, dann schlage ich den Mantelkragen hoch und strebe dem nächsten Pub zu. Die Nächte können kalt sein in Edinburgh. […]Es geht auf Mitternacht zu, als wir unsere Jagd unverrichteter Dinge abbrechen. Als Liz nach mir die Tür schließen will, weise ich darauf hin, dass hinter mir noch jemand kommt. «Nein, nein», entgegnet sie. «Sie waren die ganze Zeit der Letzte, da hab‘ ich drauf geachtet. Sehr mutig!» […] Es geht auf Mitternacht zu, als wir unsere Jagd unverrichteter Dinge abbrechen. Liz verabschiedet sich von uns allen persönlich. Als sie nach mir die Tür schließen will, weise ich darauf hin, dass hinter mir noch jemand kommt. „Nein, nein“, entgegnet sie. „Sie waren die ganze Zeit der Letzte, da hab‘ ich drauf geachtet. Sehr mutig!“
Die Tür fällt ins Schloss. Für einen Augenblick bleibe ich noch stehen, dann schlage ich den Mantelkragen hoch und strebe dem nächsten Pub zu. Die Nächte können kalt sein in Edinburgh.
(Christoph Driessen, dpa/dd) (dpa/tmn) Christoph Driessen, dpa

Toll, nicht wahr? Immerhin, die Urheberschaft wird schon noch genannt, wenn auch nicht bei der FR. Aber nachdem mir das aufgefallen war dachte ich, ich goolge mal den Einstiegstext und siehe da, man findet das Ding auch bei Merkur Online (5.10.2010, Christoph Driessen, dpa), N-TV Online (24.10.2010, dpa), N24 Online (05.10.2010, Christoph Driessen, dpa, N24) und, hier aber als Reisebericht der dpa deutlich gekennzeichnet, bei Traveling World (ohne Datum, Christoph Driessen, dpa).

Ich frage mich, was das so einbringt seinen Text nicht nur vielen Medien anzubieten (was ja normal wäre) sondern den Medien auch zu gestatten sich selbst als Urheber drunter zu setzen nachdem sie ihn leicht verfremdet haben. Immerhin ist Herr Driessen ja durchaus eine respektable Persönlichkeit, oder?

Von einem Medienunfall – Teil VI: Mal wieder gewohnt pietätvoll, die SZ

Frau Teofila Reich-Ranicki ist tot. Das vermeldete gestern, praktisch untergehend im Royal-Rummel die Sueddeutsche Zeitung und ich möchte Marcel Reich-Ranicki an dieser Stelle mein Beileid aussprechen.

Interessant aber ist, wie die Sueddeutsche damit umgeht. So hat man zunächst die Kommentarfunktion unter dem Artikel gesperrt. Und dann hat man eine interessante Auswahl geschaffen, aber sehen Sie selbst:

Toll, oder? Diese Zusammenstellung hat schon fast was von einem Gedicht…

Kontaktbörse Oktoberfest – Im Rausch der Sinne / Rentnerehepaar stirbt bei Frontalzusammenstoß /  Kühner Gewaltakt / „Das hat ja doch wieder gut geschmeckt“ / Scheidung im Alter – Das verflixte 25. Jahr / Farbpsychologie – Alles so schön bunt hier! / Gemeinsamer Tod – Nach 70 Jahren Ehe stirbt Paar am selben Tag / Homo-Hochzeiten: Freie Ortswahl – Trausaal? Nein danke! / Mann und Alter – Laptop und Sixpack / Alter – Der neue Mann – lebt lustvoll und lang

Nein? Naja, ich bin auch froh, daß virtuelle Gräber und Nachrufe nur virtuell sind. Bei der Vorstellung, der/die dafür Verantwortliche hielte eine Rede auf meiner Feier….

Die FAZ macht es besser.

Nachtrag: Der Link selbst hat auch seine eigene Komik…

Von den verschwörten Theorien…. rund um Japan

Es gehörte schon in den vergangenen Tagen zum Standardrepertoire außenstehender Beobachter von Naturkatastrophen und solcher von Menschenhand, die Ursache solcher Katastrophen in einer Verschwörung dunkler Mächte zu suchen.

Diesmal also, entnehme ich nach der erschütternden Meldung über ein zweites Erdbeben in Japan dem Forum bei Sueddeutsche.de, sind es die Amerikaner. Mal wieder. Ähnlich machiavellistisch wie ich selbst bestimmt auch, als ich im vorvorherigen Satz das Wort „erschütternd“ im Zusammenhang mit einer Erdbebenmeldung gebraucht habe, sollen amerikanische Militärs mit Hilfe des HAARP-Projektes also das Wetter kontrollieren und bei Bedarf Erdbeben auslösen, weil Wetterkrieg der Krieg der Zukunft ist.

Um das ganze zu untermauern wird auf eine „Dokumentation“ des Kirch-Senders N-TV verwiesen, der von Nachrichten alleine offensichtlich nicht leben kann. Wenn Sie eine halbe Stunde Zeit erübrigen können Sie sich das ja mal antun:

Untermalt von dramatischer Musik werden sogenannte Experten gezeigt, die angeblich aus den Kriegsplan-Interna des US-Militärs (oder der Briten) berichten. Ein Experte zeigt in einer abgedunkelten Garage wie Haarp das Wetter verändert. Immer wieder wird dem Zuschauer eingebleut daß es hier um „geheime Kriegführung“ geht, um den „Krieg der Zukunft“ und so weiter.

Dann werden auch brav Beispiele herangezogen, so soll die Flut 1952 in Großbritannien das Ergebnis fehlgeschlagener Militärexperimente gewesen sein. (Bitte ab hier die Melodie von Akte X nachpfeifen). Auch der Hurrikan „Kathrina“ von 1995 verhielt sich „ungewöhnlich“ – dem Zuschauer wird hier die zwar deutlich als Theorie bezeichnete, dennoch nicht hinterfragte Ansicht, es handle sich dabei um eine „Hurrikan-Attacke“ von Rußland und China auf die USA, verkauft, die im Jahr 1996 dann erfolgreich abgewehrt werden konnte.

Dieser ab dem genannten Zeitpunkt endgültig absurde Unterhaltungsfilm wird nun insbesondere vom Sueddeutsche-Online User „katzbuckel“ herangezogen um zu belegen, daß die Amerikaner eine konkurrierende Wirtschaftsmacht zerstören wollen.

Alleine die Idee, die „Dokumentation“selemente auf n-tv mit Seriosität zu verbinden ist natürlich sehr gewagt.

Ah, darum geht es. Kampf um die Ressourcen in der Welt. Das macht bei einem Bergbau- und Agrarstaat wie Japan natürlich Sinn, wobei…

Also eine in Alaska, eine in Norwegen. Man vergesse nicht die Konkurrenzanlagen in China und Rußland zur Hurrikan-Bewerfung der USA. Irgendwie haben sich also die Norweger mit den Amerikanern verschworen, in Japan ein Erdbeben auszulösen. Warum ist bis jetzt nicht so ganz klar. Weil es eine konkurrierende Wirtschaftsmacht ist? Da würde China mehr Sinn machen, denen gehört nämlich der Dollar und ein nicht unbeträchlicher Anteil amerikanischen Bodens. Vielleicht ist Norwegen eifersüchtig auf die Walfangflotte der Japaner gewesen?

Mal ganz abgesehen davon, daß geheime Kriegführung schon immer stattfand sollte man nicht vergessen, daß derartiges auch derzeit und gar nicht schlecht von Navy Seals und anderen Spezialeinheiten deutlich billiger, effektiver und präziser ausgeführt wird. Wenn ein Drogenkartell, ein unbequemer Machthaber, ein Freiheitskämpfer oder sonst irgendwas schlechtes im Sinne von Geheimdiensten aller Couleur ausgeschaltet werden muß ist das mit einer kleinen Operation erheblich leichter zu handhaben als mit einer Science-Fiction-Waffe wie einem künstlichen Erdbeben.

Niemand bestreitet daß die Kriege der Zukunft um Ressourcen bereits geführt werden und daß die Auseinandersetzung um die Ressource Wasser der Welt eine ziemlich unruhige Zukunft bescheren wird. Aber weder wird jemand Gotham City mit einem auf Wasser aber irgendwie auf Menschen nicht wirkenden Mikrowellensender zerstören, noch werden sich Nationen mit offen, nicht einmal unter Verschluß gehaltenen Antennenanlagen (die mit einem einzigen Kampfjet ausschaltbar wären) gegenseitig Stürme, Erdbeben und Eiszeiten vorbeischicken.

Natürlich reicht das Wetter nicht – wer richtig Angst haben will der kann auch vermuten, daß Haarp dazu dient, eine ganze Nation auf einem Bein tanzen zu lassen. Dem Gotteskomplex unbedeutender Individuen sind anscheinend keine Grenzen gesetzt….