(Nichts) Neues aus dem All

Da ist er wieder: Urban Priol, der ewige Kanzerlinnenhasser, tauchte gestern mit einem neuen Format im ZDF auf. „Ein Fall für’s All“ begrüßt den Zuschauer mit trashiger Musik und einem seltsam ungenutzten Konzept.

Eigentlich machte es gleich Lust auf mehr – oder wenigstens auf David Hasselhoff. Denn die Musik des Vorspannes stammt aus dem italienischen Science-Fiction Trashfilm „Star Crash“ von 1978. Leider ging es die Sendung über nicht immer so intellektuell wie in dem Film zu.

Priols neuer Partner Alfons kommt im Gegensatz zu den vorherigen Partnern in der Anstalt praktisch gar nicht zu Geltung; Er dient eher als Anlaß für Franzosenwitze, die schon einen Bart hatten als die Franzosen das Baguette erst erfunden hatten. Die beiden anderen Gäste, Andreas Reebers in gewohnt anarchistischer Manier und Christine Prayon, die man eher aus der „Heute Show“ kennt, stellen mit ihren eher kurzen Einspielern eigentlich eher eine Art Versuch dar, wenigsten ein bißchen mehr zu bieten als eine dreiviertel Stunde Monolog von Priol.

Dabei ist der gewohnt bissig, wenn auch überschaubar überraschend. Merkel ist die eiskalte Machtmamsell, von der Leyen eine Blendgranate, Dobrindt ein mentaler Einzeller und Oettinger ein geistiger Flachbildschirm. Das ist ziemlich langweilig, weil man es von ihm kaum mehr anders kennt. Es fehlen Perlen wie das „Ost-G’Steck“, „Die Platitüdenmamsell“ oder auch der durchaus schöne Satz „Sie ist geschickt – aber keiner weiß von wem.“ Und es fehlt einmal mehr ein Konterpart wie Georg Schramm, der Urbans Stammtischparolen glänzend reflektierte. Auch fehlen die bissig-intelligenten Dialoge, welche die neue Anstalt so auszeichnen.

Auch ist in sich die Logik des Formates verwirrend – Besucher von einer „Konföderation“, die aber auf den Erde Bodenpersonal haben und selbst ein Deutscher und ein Franzose sind? Warum, was soll das? Die Grundidee selbst ist nämlich eigentlich recht witzig. Leider nutzt das Team rund um die neue Sendung ihr Format nicht im Mindesten aus. Warum denn nicht als tatsächliche Außerirdische Erdenbewohner (also die Gäste) Beispielhaft an Bord beamen, die dann wunderbar den einen oder anderen Punkt beleuchten können – und das zwischendurch immer mal wieder boshaft von der Besatzung kommentieren lassen?

Allerdings fand ich den Start der neuen „Anstalt“ auch etwas holprig, inzwischen hat sich das Format aber sehr gut gefunden. Von daher geben wir der Sendung eine Chance. Nach einem halben Jahr weiß man sicher, woran man ist.

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Fundstück der Woche (31. KW): Störsender.tv #7

Wer sich nun wundert, wo denn 5&6 sind, das sind die beiden Teile der Benefizgala gewesen.

Fundstück der Woche (28.KW): Störsender #4

Inzwischen sind vier Folgen erschienen und als Abonnent bekommt man die Folgen auch früher zu sehen. Dieter Hildebrandt hat zusammen mit anderen Kabarettisten ein kleines Projekt gestartet, mit dem er sich aktiv wie eh und je am politischen Tagesgeschehen beschäftigt.

Diesmal geht es aber nicht nur mit Kabarett, sondern auch mit Information um die Aufklärung des Zuschauers. Sendungen wie diese sollten eigentlich Pflicht werden. In den folgenden vier Wochen werde ich weitere Teile hier verlinken und zudem alle im Video erwähnten Links ebenfalls posten.

Wer mehr sehen will kann sich ein Abo gönnen – weitere Informationen gibt es unter http://stoersender.tv/. Die heutige Folge beschäftigt sich mit den deutschen Neofaschisten und den Verbindungen des „Staatsschutzes“ zu ihnen. Mit dabei sind unter anderem Dieter Hildebrandt, Luise Kinseher, Urban Priol, und viele mehr.

Links der heutigen Sendung:

http://www.nsu-watch.info/
http://aida-archiv.de/
http://www.aussteigerhilfe.de/
http://www.endstation-rechts-bayern.de/
http://endstation-rechts.de/
http://www.exit-deutschland.de/
http://muenchen-ist-bunt.de/
http://www.dtv.de/buecher/wer_wir_sind_28003.html

Schlechte Nachricht: Die Anstalt hört auf!!!

Gerade habe ich im Deutschlandfunk die Nachricht vernommen, daß Frank Markus Barwasser und Urban Priol ihren Vertrag mit dem ZDF nicht mehr verlängern. Damit wird „Neues aus der Anstalt“ am 1. Oktober zum letzten Mal laufen.

Zwar will man mehr Kabarett ins Programm des ZDF nehmen, aber die Anstalt ist erstmal sicher tot. Pelzig alias Barwasser gab dazu ein Interview in eigener Sache und stellte es auf seine Homepage.

Das ist bitter, denn damit verliert das ZDF zunächst einiges von dem, was es durch die Sendung gewonnen hatte. Zwar wird ein eigenes Format für Priol entwickelt und „Pelzig hält sich“ soll künftig acht-, statt siebenmal pro Jahr kommen, aber die exzellente Mischung der Sendung wird damit wohl verschwinden.

Bleibt zu danken für die Existentz von Youtube – das Gedächtnis des Fernsehens, in dem man sich die brillianten Sendungen noch einmal ansehen kann. Ungeschnitten und in voller Länge.

Nachtrag: Noch ein Bericht vom Deutschlandfunk.

50 Folgen Neues aus der Anstalt

Als am 23. Januar 2007 Dieter Hildebrandt „den Staffelstab nach 28 Jahren Satirefreiem ZDF“ an Urban Priol und Georg Schramm übergab, brach beim Deutschen Kabarett tatsächlich eine neue Ära an. Denn gleichzeitig ließ die ARD den zum sogenannten „Satiregipfel“ verkommenen Scheibenwischer ins Leere laufen bis 2009 selbst Riechling das Handtuch warf und Dieter Nuhr dann seit 2011 dem ganzen einen konservativen Anstrich geben durfte.

Übrig bleibt „Neues aus der Anstalt“, das frech, boshaft und mit vielen Wahrheiten gespickt einen Blick auf unsere Politlandschaft wirft und dabei vor praktisch gar keinem Tabubruch mehr zurückschreckt. Ich weiß noch, wie sie in einer Sendung 2007 oder 2008 das Bild des Vorstandsvorsitzenden der HSH-Nordbank, Dirk Jens Nonnenmacher einblendeten und Priol und Schramm davorstanden und das mit den Worten „Ich weiß auch ned, warum solche Arschlöcher immer genau so aussehen, wie man sich se vorstellt“, kommentierten. Das hatte mich wirklich überrascht, derartiges in einem öffentlich-rechtlichen Sender, noch dazu einem, bei dem die Politik in Gestalt von Roland Koch ziemlich viel Einfluß hat, zu hören.

Nach der 36. Folge stieg Georg Schramm aus der Sendung aus, um sich wieder mehr der Bühne zuzuwenden, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig stieg dafür ein. Das brach der Sendung nicht ganz, aber fast das Rückgrat, denn Pelzig ist trotz allen Scharfblicks eben kein Schramm. Dennoch fing sich die Sendung nach ein paar mißglückten Zwischenstationen wieder und inzwischen haben Priol und Pelzig als Figuren ein ähnliches Verhältnis zueinander aufgebaut wie seinerzeit Priol und Dombrowski. Ein nicht unerheblicher Teil der Sendung wird von den vor Haßliebe sprühenden Dialogen getragen, wenn die beiden Hauptakteuere aneinandergeraten. Ging es früher zum Teil recht geschliffen zu („Ich muß noch den Patientensprecher und den Champagner kaltstellen“) hat es heute mehr Biß und einen Hang zur Komödie („Pelzig, kommen Sie her! Gehen Sie mir aus den Augen!“).

Interessant ist die Auswahl der Gäste. Besuchten zwischen Folge 1 und Folge 36 noch eher selten Comedians die Sendung (Ingo Appelt war so ein furchtbares Beispiel) und dafür eine sehr breite Reihe auch von Nicht-Politkabarettisten, aber Gesellschaftskabarettisten wie Helmut Schleich und Monika Gruber, so schien mit Folge 40 die Anstalt ihren Schwung zu verlieren: Nur zwei Gäste in Folge 40 und Folge 45-49 baute dann mit Badesalz, Ingo Appelt und Hans Lindberg in 2011, und Camela de Feo sowie Michael Mittermeier in 2012 irgendwie gerne Comedy ein. Besonders der Auftritt von Appelt war mehr zum Fremdschämen und über Camela de Feo… also die hatte schon bessere Auftritte hingelegt.

Die Folge 50 war aber dann spitze: deutlich besser als die beiden vorhergehenden Sendungen 2012. Da freut man sich schon, wenns mal wieder drei g’standene Kabarettisten sind.
Monika Gruber wäre schön gewesen, hat aber scheinbar abgesagt und wird sicher mal wieder kommen – es muß nicht immer Politkabarett sein und die Auftritte von „der Gruberin“ waren in der Anstalt bislang jedenfalls deutlich bissiger, geschliffener und gekonnter, als der Quark den der allseits beliebte Mittermeier zum Beispiel dort ablieferte.
Über Steimles Auftritt, der schon seit einiger Zeit nicht mehr da war, hab ich mich besonders gefreut – nicht nur wegen der Ossi-Wessi Nummer die diesmal besonders schön eingesetzt wurde sondern vor allem weil Steimle als Beobachter fast an Georg Schramm herankommt.
Der wiederum fehlt irgendwie…. ein Auftritt zur Jubiläumssendung – das wäre doch was gewesen…

Hilfe! Tagesschau-Sprech Boulevard ist!

Im journalistischen Alltag dieser Republik gibt es ein Phänomen, das die Sprachgestaltung aller Medien zu beeinflussen scheint. Einer Krankheit ähnlich, fast wie eine Seuche, schleppt sich das Boulevardeske, ja der Boulevard-Slang durch die Medien.

Sprechen Sie Boulevard? Das geht relativ leicht. „Wissenschaftler fordern: So spricht man!“ oder „Furchtbar: Alle können nicht alles!“ wichtig auch: „Politik überfordert: Küken brüten Küken aus! wird die Welt jetzt untergehen?“

Zum Boulevard-Sprech gehört aber neben sinnlosem Inhalt auch die Neuerschaffung von Begriffen durch Zusammensetzung möglich simpel gestrickter Einzelwörter. Ein Mann, der gerne Kohle mit Kohle schürfen verdient würde also zum „Kohle-Kumpel“. Begriffe wie pädophiler Straftäter oder gar das umständliche „der Vergewaltigung einer Frau angeklagt“ wird dank dieser schönen nicht gerade neuen Sprache zur „Sex-Bestie“.

Das springersche Vorzeigeprodukt ist darin ja sehr groß, der Begriff Bild-Zeitung ist mir da gerade noch boulevardesk genug. Diese widerwärtige Mißhandlung der deutschen Sprache in Zeitungsform, die ja auch gerne mal für die deutsche Sprache Petitionen betreibt, hat aber anscheinend weitreichende Konsequenzen.

Seit einiger Zeit wird besonders bei der Süddeutschen, aber auch bei anderen im Grunde bis dato brauchbaren Print- und Telemedien die Neigung deutlich, Schlagzeilen möglichst im Primitiv-Sprech auszudrücken, wahrscheinlich damit der Normalo-Leser auch eine Chance hat, dem ganzen zu folgen. Richtig bitter wurde es aber gestern Abend.

Mir ist Berlusconi, den ich gerne Urban Priol folgend als Bonzai-Duce betitle (auch ein boulevardeskes Wort, nicht wahr?), im Grunde ja relativ egal. Ich freue mich, daß er vor Gericht muß und bin zugleich sicher, daß ihm nichts passiert. Den wählen die Italiener sicher auch wenn er im Knast steckt wieder.

Aber muß ausgerechnet die Tagesschau von „Sex-Vorwürfen“ reden? Die Süddeutsche von der „Ruby-Sexaffäre“ schreiben? Hilfe, was macht ihr mit meiner Sprache? Wenn das, ja DAS Leitmedium der deutschen Fernsehberichterstattung (heutzutage wahrscheinlich Fernseher-Berichterstattung?) mit einer Headline wie „Prozess wegen Sex-Vorwürfen“ daherkommen darf und keiner merkt es – was genau passiert dann gerade mit der Republik, dem offensichtlich sedierten Publikum?