Man müsst ihn ja eigentlich ignorieren….

… aber der Erlöser ist zurück. Also der Erlöser der einfachen und wenig gebildeten Menschen. Der Mann, der seinen Doktortiltel aberkennen „ließ“ (sic!), damit jeder sehen konnte, daß das Heft des Handelns in seiner Patschepfote blieb. Der Blender und Verführer ist zurück – und gewohnt genial im Umgang mit den Medien.

Man kann über Karl-Theodor zu Guttenberg ja vieles sagen. Zum Beispiel daß er ein als Minister, egal ob als Wirtschafts- oder als Verteidigungsminister komplett versagt hatte. Man müßte aber fairerweise dazu sagen, daß das verdammt gut aussah, denn es gab tolle Photos davon. In Anlehnung an einen anderen Spruch könnte man auch von „Mieser Arbeit, aber mit geiler Grafik“ sprechen.

Guttenberg hat es, nicht zuletzt zum Neid seiner Gegner, tatsächlich geschafft den Nimbus der Anbetung um sich herum zu erhalten obwohl er in Wahrheit buchstäblich nichts auf die Reihe gebracht hatte. Als Wirtschaftsminister bei der Opel-Rettung, noch zu Zeiten der Großen Koalition, hat er dem Gegenteil dessen zugestimmt was er propagiert hatte. Gut, werden sich viele sagen: „CSU halt. In Bayern dagegen, in Brüssel dafür.“ Stimmt, so betrachtet war es konsequent. Trotzdem bleibt, daß KTzG buchstäblich nichts anderes getan hatte, als einzuknicken. Solange er das tat durfte er sich als „Widerstandinator“ aufspielen.
Als Verteidigungsminister und Erbe des auf Befehl der Oberkommandierenden in Kriegszeiten zurückgetretenen Ministers Jung nun hat er die Bundeswehrreform in Angriff genommen und die Wehrpflicht ausgesetzt. Angesichts der Tatsache, daß die CSU da immer schon dagegen war weils um das Land herum nur Russen und im Land nur Kommunisten gibt, tatsächlich eine beachtliche Leistung. Aber real war’s dann doch wieder Blendwerk: Sein Nachfolger Thomas de Maizière bescheinigte dem Reformwerk ziemliche Stümperei – auch wenn das natürlich sofort und umfassend dementiert wurde. Tatsächlich ist die Geschichte Stückwerk – der Ersatz des Wehrersatzdienstes kommt jedenfalls nicht so recht in die Gänge was nicht weiter verwundert, wünscht doch die gleiche Regierung daß man mit 17 bereits ein abgeschlossenes Studium und 15 Jahre Berufserfahrung mitbringt, um als Single flexibel für den Arbeitsmarkt 500km pendeln zu können. Da kommt Dienst an der Gesellschaft irgendwie nicht vor.

Nun also droht ein Comeback, wie der ProGuttenbergBlog begeistert veröffentlicht (auch wenn er in seiner flammenden Begeisterung irgendwie das Gegenteil dessen schreibt, was er vor drei Tagen schrieb. Guttenberg habe sich entschuldigt, sei zurückgetreten und habe daher ein Recht auf Rehabilitation. Der Vorstand des Netzwerk Recherche habe betrogen, sich entschuldigt, sei zurückgetreten und der Nachfolgende Vorstand war im Amt als die Jury den Leuchtturm an die FAZ vergab. Das wirft natürlich ein bezeichnendes Licht auf den Preis, die Jury und ihre „linke“ Haltung. Ich hab selten so sehr lachen müssen als bei diesem kurz hintereinander erfolgten Beweis für die Redlichkeit der Verteidiger…).
Die Meisterschaft des „Platitüden-Barons“ (Priol) im Umgang mit der Presse zeigt sich aber wieder einmal in der Inszenierung des Mannes. Zufällig ein paar Tage vor Erscheinen seines Buches wird ein Interview geführt was zufällig die deutsche Presse bemerkt, woraufhin zufällig die ZEIT, ausgerechnet, die Kampagne startet um das Buch ihres Chefs zu verkaufen. Zufällig ereilt den Buchveröffentlichenden auch ausgerechnet in diesen Tagen das Urteil und zufällig darf er fürs kopieren NICHT wie ein gewöhnlicher DvD-Brenner („Noch viermal singen„) büßen, sondern öffentlichkeitswirksam die deutsche Krebshilfe unterstützen („KTzG – er hat ein Herz für Krebskranke Kinder“). Begeistert wirkt die Presse positiv wie negativ mit und schon stehen heute um 10:09 Uhr volle 7 (Sieben!) Artikel zu zu Guttenberg auf Sueddeutsche.de. Dafür mußte die NSU 10 Menschen abknallen und mutmaßlich Selbstmord begehen.

Die Bildzeitung schießt, wie immer, den Vogel ab indem sie das Interview und das Buch betitelt mit „zu Guttenberg rechnet mit sich ab“ – also gleich wieder am Nimbus des Heft-in-der-Hand-Halters schraubt. Finanzkrise, Regierungskrise, Nazi-Terror? Alles plötzlich Seite 5, der Erlöser ist da. Und ob es nun seine Gegner sind, oder seine Befürworter: Ein jeder schreibt einen Artikel dazu, oder auch zehn. Selbst ich.

Da bleibt nur Kopfschütteln.

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Fundstück der Woche (28.KW): Ich habe es satt

Eindringlich. Und leider wahr.

 

Fundstück der Woche (20. KW): Sage Nein, Willy! Und eine Anmerkung.

Weil ich mich nicht entsinnen kann, Konstantin Wecker hier schon einmal verlinkt zu haben, hole ich das Versäumnis nun gleich doppelt nach: Zwei der meines Erachtens nach wichtigsten Stücke aus dem Werk von Konstantin Wecker.

Gestern ham’s an Willy daschloag’n

Sage nein!

Interessant ist der Widerspruch, der sich zwischen diesen Songs aufzumachen scheint: Das zweitere ruft zu zivilem Widerstand auf, das erste beschreibt was passiert wenn er eintritt. Erscheint einem das nicht seltsam?
Für mich liegt die Lösung darin, daß dem Willy nichts passiert wäre wenn alle „nein“ gesagt hätten. Dann wäre der Herr Nazi eingekniffenen Schwanzes dahingegangen wohin er gehört. Aber die schweigenden Menschen sind die Täter.  Die, die nichts tun.

Ich hab vor beinahe einem Jahrzehnt oder so ähnlich mal eine Arbeit über eine spanische Geschichte schreiben müssen. Die ging in etwa so:

Ein Mann starb. Als er aufwachte und das in das weiße Licht getreten war sah er eine lange Schlange und stellte sich an. Nach kurzer Zeit kam der Teufel aus der Hölle. Er rief die Schlange zu sich und musste sich entschuldigen: Die Hölle sei voll, es habe nurmehr eine einzige Seele Platz. Die Menge begann zu murren, schon wieder habe man das Nachsehen. Der Teufel verkündete, er werde nun herumgehen und den schlimmsten Missetäter auswählen.
So ging er herum, hörte die Lebensgeschichten von Massenmördern, Vergewaltigern, Diktatoren und Parlamentsabgeordneten. Von Korrupten und Gierigen, von Widerlichen und Liderlichen. Schließlich kam er auch zum letzen Mann.
„Und?“, fragte der Teufel gespannt, „Warum bist Du hier? Was hast Du getan?“
Der Mann hob die Schultern. „Ich habe gar nichts getan.“, sagte er, „Ich stehe hier weil ich dachte, man stellt sich hier für Zigaretten an.“ Der Teufel war verwundert: „Wie, Du hast nichts getan? Du wirst doch eine Sünde begangen haben. Einen getötet, einen beraubt oder so?“ Der Mann schüttelte den Kopf und antwortete: „Nein. Alle haben sich sich gegenseitig ermordet und beraubt, haben sich gehaßt und verfolgt, aber ich habe nichts getan.“ Der Teufel legte den Kopf schräg und vergewisserte sich: „Du hast nichts getan?“ – „Nein, ich tat nichts.“, sagte der Mann.
„Dann, mein Sohn“, sagte der Teufel und wies mit einer einladenden Geste auf das Tor zur Hölle, „dann ist der letzte Platz für Dich reserviert.“

Das ist nur eine sinngemäße Wiedergabe. Aber ich fand das damals wie heute zutreffend. Weiß jemand die Geschichte und hat vielleicht einen Link darauf? Es gibt wieder einen Duden zu gewinnen.

Quo Vadis, JJ Abrams?

In den vergangenen Tagen unserer Republik gab es ein Ereignis, das einen großen Teil der Filmwelt erstaunt zurückgelassen hat. Entsetzt zurückgelassen hat es die Freunde einer Zukunftsvision die bislang eine Zukunft zu gestalten suchte, in der das Ideal einer humanistisch gesinnten Gesellschaft erreicht wurde. Erstaunt hat es jene Mitmenschen, die sich eigentlich gedacht haben, daß das kreative Filmeschaffen im Westen frei sein sollte von Propaganda. Was natürlich ein Irrtum ist.

Die Rede ist nicht von einem deutschen Film sondern von Star Trek – The JJ Abrams Generation.

Nun muß ich vorausschicken daß ich Star Trek im Grunde immer gerne gesehen habe aber nie ein „Trekki“ war – ich bin weder mit Latexohren herumgelaufen, noch nenne ich mein Klapphandy Kommunikator oder Tricorder. Ich habe keine persönliche Bindung an die Figuren und trage keinen Föderationsschlafanzug im Kino.

Hingegen genoß ich an Serie (zumindest TOS und TNG) und Film (Zumindest die ersten 9) den Widerspruch des zu lebenden Ideals und der Wirklichkeit, die sich besonders an den beiden Captains Kirk und Picard darstellte.

Gene Roddenberry war Star Trek zeitlebens zu materialistisch, zu militärisch – schon TOS entwickelt ab der zweiten Staffel oftmals militärische Lösungswege. Zudem kann man den Verlust von Roddenberrys Einfluß auf TNG sehr deutlich erkennen, da es ab der Dritten Staffel deutlich actionreicher zugeht aber im Kern ist die Welt von Star Trek immer von Menschenrecht, von Mitgefühl, Toleranz und Achtung vor der Schöpfung die Rede und die Schwierigkeiten, die in der praktischen Umsetzung dessen auftreten können. Vereinfacht ausgedrückt exzerpiert Star Trek das schöne Problem, das der schwache Schüler hat – kann das miteinander reden wirklich stärker und erfolgreicher sein als die Faust der Stärkeren?

So zeigt die brillante TOS-Folge „Horta rettet ihre Kinder“ wie eine Kreatur auf Silikonbasis von Bergleuten übersehen wird und ihre Eier als „Siliciumknollen“ fehlinterpretiert und geerntet werden woraufhin die Kreatur zu töten beginnt. Suchen die Bergleute eine militärische Lösung und wollen Horta töten, so erkennen Kirk und Spock die eigentliche Verteidigungsabsicht der Mutter und suchen eine Lösung von der alle profitieren. Ein Gegenmodell entwirft die TOS-Folge „Kampf um Organia„, bei dem Föderation und Klingonen kriegslüstern erscheinen und von den entwicklungstechnisch überlegenen Organier (?) wie von strengen Eltern quasi zur Ordnung gerufen werden müssen. Eingeschränkt in ihren Handlungswelten erkennt Kirk seinen Irrweg, den er als Cowboy im Weltraum einnimmt, und tatsächlich beginnt die Figur hier nachdenklicher zu werden. Was an seiner Gegnerschaft zu den Klingonen nichts ändert aber dazu später ein wenig mehr.

Das Roddenberry’sche Ideal erfüllt sich meines Erachtens nach in der Figur des Captain Picard der als moralische Instanz die Wege seines Schiffes und seiner Crew lenkt, fehlbar aber mit den besten Absichten, klug und doch nur an der Grenze der Weisheit und sehr nachdenklich. Picards Handeln wird immer von den Grundsätzen seiner Wertewelt bedingt und treibt ihn letztlich sogar ein paar Mal gegen die Föderation der Planeten.

Die Filme schließlich entwerfen in den Teilen II-IV die Figur Kirk und zeigen ihn in seinen menschlichen Schwächen. Mit Vernunft kämpft er gegen Khan, mit Unvernunft gegen die Klingonen und das kostet letztlich seinen Sohn das Leben. Star Trek II: Der Zorn des Khan ist der wahrscheinlich brillanteste Star Trek Film und gab der Serie seine entscheidende Richtung. Action ist Element aber im Kern steht die Frage nach dem Lebensrecht und vor allem die Frage nach der Berechtigung auf die Fähigkeiten Projektes „Genesis“. McCoy äußert dies in einem klugen Satz: „Mein Gott, was für eine schöpferische Kraft!“ Spock, Logiker als Vulkanier, löst die Frage nach dem Lebensrecht logisch in dem er sich für das Schiff opfert und den Menschen damit eine moralische Lektion erteilt – besonders Kirk, der zuvor so schön erklärte „Ich glaube nicht an ausweglose Situationen.“

Dieser neue Kirk wächst in Film VI, Das unentdeckte Land, über sich hinaus. Die Klingonen wollen (oder müssen) Frieden schließen und Kirk bricht mit seinem persönlichen Empfinden zum Wohl der Föderation – er verhindert einen Krieg und kommentiert das in gewisser Hinsicht lapidar. Streitet er sich Anfang noch mit Spock über die Klingonen (Spock: „Sie werden sterben.“ Kirk: „Lasst sie sterben!“) so stellt er sich in seiner Rede vor dem Föderationsrat der Erkenntnis, daß er vielleicht nicht mehr in die Zeit passt. Die Zeit geht weiter und wir werden alt.

Das er sich jedoch anpassen kann markiert sein letzter Logbucheinrag: „Persönliches Logbuch des Captains, Sternzeit 9529,1. Dies ist die letzte Reise des Raumschiffs Enterprise unter meinem Kommando. Dieses Schiff und seine Geschichte werden bald in die Obhut einer anderen Mannschaft übergeben. Ihnen und ihren Nachkommen vertrauen wir unsere Zukunft an. Sie werden die Reisen fortsetzen, die wir begonnen haben und mutig zu all den unentdeckten Ländern vorstoßen, wo noch kein Mensch, wo noch niemand zuvor gewesen ist.

Picard, der die Geschichte übernimmt, bekommt im Laufe der Filme einen starken Charakter, die größte Prüfung zweifellos in Star Trek VIII: Der erste Kontakt. Sein eigentlicher „Nemesis“, die Borg, bringen Picard so weit, daß er zumindest kurzfristig seine Prinzipien aufgibt und Rache zum Handlungsmotiv erhebt – ein Irrtum der Besatzungsmitglieder das Leben kostet und ihn letztlich die Schuld der Rache lehrt. Schon der vorherige Film markiert einen Wendepunkt für die Figur, denn Picards Bruder stirbt anfangs und bürdet Picard damit die Pflicht auf, die Familie fortzuführen. Ein interessantes Konzept über das man reden kann aber die Figur identifiziert sich nun als „Der letzte der Picards“.

Star Trek IX, ein eher actionbetonter Streifen, exerziert die oberste Direktive durch und führt mit einem interessanten Seitenhieb auf Teil II zurück: Hieß es in einer dramatischen Szene in Teil II: ″Spock: ‘Seien Sie nicht traurig, Admiral. Seien Sie logisch. Die Bedürfnisse Vieler sind wichtiger…‘ Kirk: ‘…als die von Wenigen…‘ Spock: ‘…oder eines Einzelnen. Ich war und werde es immer sein – Ihr Freund. Leben Sie lang und in Frieden.‘″, so gilt das für die neue Generation nicht – diese Ansicht wird für falsch gehalten: ″Dougherty: ‘Jean-Luc, nur 600 Menschen leben da unten. Wenn wir die regenerativen Eigenschaften dieser Strahlung nutzen könnten, wäre das eine Hilfe für Milliarden.‘″

Ein Paradigmenwechsel? Mitnichten. Was Spock für sich selbst entscheidet, nämlich das eigene Wohl steht weit unter dem Wohl Vieler, entscheidet hier eine äußere Macht für die Ba‘ku: die Föderation. Also gab es wohl keinen echten Paradigmenwechsel in der Geschichte von Star Trek, von kleineren Änderungen mal abgesehen.

Aber!

Nun nun kommt das Aber und die Erklärung warum ich diesen Text verfasse den Du, werter Leser, mit etwas Glück bis hier verfolgt hast: Der Regisseur der Erfolgsserie Lost hat mit dem elften Star Trek Kinofilm endlich das erreicht, was vorher keiner erreichen konnte, wie ein Rezensent bei Amazon sehr gut erkannte: „[…] endlich ist Star Trek so, wie es sich alle coolen Leute gewünscht haben: Weg mit diesem idealistischen Aufklärertum, dem Rationalismus und Humanismus. Her mit Gefasel von Bestimmung, das spart Erklärungen. Der folgenschwere Fehler, die Inspiration für den allerersten Star-Trek-Film (1979) aus Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum statt aus Krieg der Sterne zu ziehen, darf 30 Jahre später endlich als getilgt angesehen werden. Feuerwerk statt Drama, willkürliche Monsterattacken statt menschliche Dilemmata, denn wir leben ja im 21. Jahrhundert; die Menschheit hat sich weiterentwickelt und weiß, dass Intelligenz in Drehbüchern nichts verloren hat. Möge der Krach mit dir sein..!

Nicht daß ich etwas gegen Star Wars hätte, eher im Gegenteil. Aber das eine ist ein Märchen im Weltraum, das andere ist Science-Fiction im engeren Sinne und hat folglich wenig von Bestimmung und dergleichen zu reden.

Das Publikum liebt es – Star Trek ist massentauglich geworden und schwimmt mit auf der Welle hohler Filme die uns die Welt in so schön einfache Schemata gießen und alles, was nicht verständlich erscheint zum religiösen Zustand erhebt.

Nun haben Filme, auch Science-Fiction Filme (!), schon immer (oder jedenfalls gern) die Welt im aktuellen Zustand abgebildet. Star Trek VI ist im Grunde von der Hintergrundgeschichte her nichts anderes als eine Aufarbeitung des Endes des kalten Krieges. Aber eine hoffnungsvolle Aufarbeitung.

Was bleibt bei JJ Abrams? Der Film vermeidet jedwede Aussage. Alles geht unter im allgegenwärtigen Actiongedöns und keiner merkt während des Films, was eigentlich passiert. Das erinnert tatsächlich sehr an den aktuellen Weltzustand. Nero, der durch die Zeit zurückgereist ist, hat die Geschichte verändert und der alte Spock zuckt die Achseln und sagt sich: „Naja, Vulcan ist platt, Familie ist tot aber hey, wir können ja mal was neues ausprobieren!“ anstatt sich hinzustellen und zu versuchen diese Änderung rückgängig zu machen. Wäre zwar auch schonmal dagewesen (Stargate: Continuum) aber wenigstens für eine solche Figur realistischer.

Abrams hat angekündigt, daß er weitere Filme in diesem Stil drehen möchte. Vermutlich wird daher der Star Trek Kanon früher oder später diese „alternative Zeitlinie“ übernehmen und alles alte belächeln und sagen: „Wollt ihr wirklich, daß sich nie was ändert?“

Der Vorwurf ist ein sehr schöner weil er so einfach zu erheben ist. Neu ist gut weil modern. Das „wie“ darf nicht infrage gestellt werden und das „daß“ infrage zu stellen grenzt an Majestätsbeleidigung. Nur keine Fragen stellen.

Ein Rezensent bei Amazon fasste das sehr schön zusammen; „Eigentlich wäre Star Trek JJ nicht der Rede wert ob seiner Banalität. Aber dann sprechen Millionen von Fans und sog. normale Menschen von einer Art Geniestreich. Einem frischen, jungen Star Trek. Doch das einzige, was dieser, naschön, Film bietet, ist: Er lenkt nach Jahrzehnten der Epigonen die Aufmerksamkeit zurück auf die originale Star-Trek-Crew, mit der der Kult begann. Nie zuvor wirkten diese alten miefigen Fernsehspiele vor billiger Pappkulisse so hoch-klassisch, intellektuell aufreibend und emotional ergreifend.

Ich für meinen Teil warte ein bisschen auf eine Verbindung zu beispielsweise 300, also irgend eine heldenmütig aufopfernde Germanengarde die die Föderation vor den anstürmenden [beliebiges böses Volk einsetzen] errettet und sich dabei opfert. Das kam auch gut an und kaum einer merkte in welche Ideologie er da verstrickt wurde. Manchmal fragt man sich schon ob das Filmeschaffen der Gegenwart so eine Art Testlauf ist für Methoden der nachhaltigen Manipulation. Das Ersetzen eines humanistischen Ideals der menschlichen Selbstverbesserung durch ein Ideal der „totalen Selbstverteidigung“ und ein zumindest fragwürdiges Konzept von „Ehre“ scheint schonmal gut anzukommen. Zumindest wenn’s dabei ordentlich rummst.

Vielleicht werden die nächsten Regierungserklärungen auch mit Explosionen begleitet. Dann guckt’s auch einer…

Eine kleine Mitschrift

In den vergangenen Tagen unserer Republik gab es ein bemerkenswertes Filmereignis das einen Oscar gewann und nachzuholen ich mir in Auftrag gestellt hatte. Star Trek XI, quasi Star Trek, the JJ Abrams Generation (kurz: Star Trek: TJJG). Ums kurz zu machen: Ich war erschüttert und entsetzt.

Aber beginnen wir am Anfang. Der Film startet mit einer hektischen und sehr blendenden Szenerie. Ein Schiff fliegt herum. Ein anderes kommt im Wing-Commander-Style (sind sogar die gleichen Effekte) aus einem Wurmloch und schießt das Schiff in Klump. Nach ein bißchen Kampf, Explosionen, Hektik und mehr Explosionen folgen zwei sehr dümmliche Regiefehler (Die Kelvin verfolgt die Lebenszeichen des Captains auf dem Feindschiff mit ihren Instrumenten ist aber nicht in der Lage dem 1. Offizier das Geschlecht seines Kindes zu verraten) und James T. Kirk wird geboren während sein Papa eine Heldentat vollbringt und sich und sein Schiff für die Crew opfert. Das ist in der Tat heldenmütig. Nur noch einmal zur Verdeutlichung: Der bis dahin unbekannte Feind Nero sucht anscheinend Spock und hat ohne Vorwarnung das Feuer eröffnet, nachdem sein Schiff zufällig genau vor der Kelvin aus einem Schwarzen Loch fiel. Logisch, oder?

Die nächste Szene nach einem an Mount Rushmore erinnernden Vorspann, wird eine vulkanische Schule gezeigt. Vulkan JJ ist nicht der spirituelle Ort den Star Trek so gerne zeigte sondern eine Lern- und Indoktrinationsmaschine. Kinder stehen hier in Löchern im Boden und beantworten Fragen. Erinnert an Guantanamo, ist aber das fortschrittlichste Volk des Universums. Fortschritt JJ eben.

Der junge Jim Kirk, eben geboren, darf als Heranwachsender zuerst ein Auto in eine Schlucht fahren, fallen lassen und am Hang hängen, dann Uhura in einer Kneipe anmachen und verprügelt werden. Als Belohnung für diese kluge Handlung wird er von Captain Pike eingeladen, der Sternenflotte beizutreten weil sie eine „humanitäre Armada“ sei. Seltsamerweise sind am nächsten Morgen alle Gesichtswunden verheilt und Kirk darf gegen einen Balken im Hobbithaus, halt nein, im Shuttle rennen wo er einen Alkoholiker trifft der später mal Schiffsarzt wird. Na gut.

Kirk scheint unter einer Dauererektion zu leiden. Er macht so ziemlich alles an was nicht bei drei auf einem Baum ist. Weiblich oder McCoy scheint egal. Dann wird es hektisch, Vulcan wird angegriffen. Weil die Raumflotte grad irgendwo „beschäftigt“ ist setzt man – logischerweise – alle Kadetten ein (bis auf Kirk der an Bord geschmuggelt wird) um eine zweite Raumflotte, die unbemannt da grad zufällig herumliegt, nach Vulcan zu entsenden, das praktischerweise nur 3 Minuten entfernt ist.

Eine halbe Raumschlacht später werden Kirk (nun erster Offizier weil er wegen einer Krankheit an Bord kam oder so ähnlich) und Sulu auf einen großen Bohrer geworfen. Ja, die schmeißen sich da wirklich aus dem Schiff runter in Raumanzügen mit Fallschirmen, Kirks Kollege ist zum Glück verwegen dämlich und weigert sich den Fallschirm rechtzeitig zu öffnen weswegen er samt dem Sprengstoff zur Zerstörung des Bohrers draufgeht. Kurz darauf Abwechslung, Kirk hängt mal wieder über einem Abgrund (das zweite Mal nun schon) während Sulu, ohne Witz, mit einem Schwert einen Romulaner bekämpft der aus dem Bohrer gekrochen ist und zufällig eine Streitaxt mit sich herumträgt. Ich gucke nach, es wird wirklich behauptet, ich sähe einen Star Trek Film. Der Romulaner der Kirk bekämpft trägt anscheinend keine Streitaxt, hat aber sonst das Gleiche an und versucht Kirks Finger zu besteigen damit der endlich mal den Abgrund runterfällt. Man wünscht ihm fast schon Glück mittlerweile.

Sulu besiegt den Axtschwinger und den anderen und gemeinsam nutzen sie nun nicht den hochexplosiven Förderationssprengstoff um den Bohrer zu sabotieren sondern benutzen Gewehre. Warum hat das Schiff dann nicht einfach einen Photonentorpedo da hineingeschossen? Naja, was soll’s. Das Loch war eh tief genug, „rote Materie“ wird von Nero in das Loch geschmissen und Vulcan fällt in ein schwarzes Loch und wird zerstört. Mit 6 Milliarden Lebewesen darauf. Hoppla.

Den Zuschauer soll das wohl berühren (Dramatik wird deutlich gemacht, indem der Spock seine Mutter noch persönlich verlieren darf) und dann kann Uhura mit Minirock und tröste-den-Vulkanier-Kuß die Sache retten. 2 Minuten nach dem Abgang Vulcans wird ein bißchen gefoltert und Kirk von Spock von der Enterprise gefeuert und mittels einer Rettungskapsel auf einem Planeten voller Monster entsorgt. Die fressen sich dann irgendwie gegenseitig bei der Kirkjagd (Kirk kletterte mittlerweile einen Abgrund hinauf und fiel einen hinunter – Die Bilanz Kirk vs. Abhang also 3:1) und – hey, da ist ja Spock. Also der echte, Leonard Nimoy. Der verjagt so ein bißchen Obi-Wan mäßig das Monster und macht erst dann sein Gesicht sichtbar und erklärt die Hintergründe.

Hä?

Also, es geht hier darum, daß Spock versucht hat Romulus zu retten und gescheitert ist. Durch das Schwarze Loch sind er und Nero in der Zeit zurückgereist und Nero hat grad Vulcan zerstört um Spock seine Trauer nachempfinden zu lassen. Hä? Warum denn? Damit Spock in der Zukunft nicht mehr da ist um zu versuchen Romulus zu retten?

Naja, jedenfalls ist eines auch noch deutlich: Die Romulaner weichen optisch mal einfach komplett von den Star Trek Romulanern ab, sind tätowierte Glatzköpfe aus einem NPD-Werbespot, aber das nur so am Rande.

Auf dem Eisplaneten wohnt auch Scotty. Ein transwarpbeamender Spaßvogel. Irgendwie beamt der Kirk und sich zum anderen Spock, also sich erst einmal in ein zum Glück menschengroßes Wasserrutschensystem mit dem die Schiffe der Föderation neuerdings ausgestattet sind. Kirk macht den jungen Spock wütend (Der alte hat irgendeine „Bestimmung“ und ist deswegen im Eis geblieben  – Hä?) und wird deswegen Captain. Ein bis dato straffällig gewordener Kadett. Hmja.

Nun muß die Erde gerettet werden. Uhura hat wohl echt was mit Spock anscheinend, jedenfalls gibt’s da so ne Art Liebesszene im Transporterraum, was Kirk eifersüchtig macht. Oh Gott. Sie beamen (wahrscheinlich versehentlich) in eine Romulanermenge. Gut, seit fast 10 Minuten ist nichts mehr explodiert. Amerikanisch gehen beide heldenhaft durch den Feind. Nachdem es kein Problem ist mal die doofe Frage: Warum ist eigentlich weder Vulcan noch die Erde ein von Raumschiffen besuchter Planet? Ist die Enterprise das letzte und einzige Raumschiff der „irgendwo beschäftigten“ Raumflotte?

Naja, Spock rast jetzt mit dem „schnellsten Raumschiff aller Zeiten“ los und zerstört den Bohrer bevor er abhaut. Kurz drauf hängt Kirk mal wieder an einem Abgrund. Nebenbei schreit der Kampf über dem Abgrund sehr nach Star Wars – und die Lösung des Ganzen, ein kleines Schiff prallt gegen das große was es ausschaltet irgendwie auch. Arvel Crynyd lässt grüßen. Kirk beweist nun, daß das Niedermähen von Feinden eine gute Idee ist und gleich darauf rettet sich die Enterprise indem sie mit einer Reihe von Warpkernen ein Schwarzes Loch in die Luft jagt. Warum damit nicht einfach das Feindschiff sprengen, so ca. eine Stunde vorher?

Leute, der Film ist schlecht und eine Katastrophe. Aber vor allem ist er ein Alarmsignal. Warum? Das verrate ich vielleicht in der nächsten Ausgabe.

Endbilanz:

  • Kirk hängt geschlagene fünf mal an einem Abgrund
  • Kirk besteigt eine Grüne Außerirdische und guckt Uhura zweimal unter den Rock
  • Kirk wird dreimal verprügelt und gewinnt am Ende immer durch Vater Zufall
  • ich habe 21 Szenen entdeckt – beim ersten Mal ansehen – die direkt oder indirekt platter Diebstahl an Konkurrenzprodukten sind, am häufigsten Star Wars, Wing Commander und Starship Troopers, aber als Vorbild müssen eine Menge Sachen herhalten – sogar Star Trek, könnte man sagen.
  • Phaser sind neuerdings Leuchtspurgeschosse abfeuernde Kanonentürme
  • JJ Abrams Kameramann war die meiste Zeit besoffen oder wie erklärt sich die Augenschmerzende Hektik der Kamera?
  • Wenn Star Trek draufsteht und was anderes drin ist liebt es das Publikum und vor allem Hollywood.

Manipulation und Fälschung im Buch „Deutschland schafft sich ab“

Zum Beginn darf ich hier einen anderen Blog zitieren um meinen eigenen zu starten. Die Quelle hat sich besonders in den Kommentaren leidlich viel Mühe gegeben, die anbrandende Diskussion zu führen. Kommentare daher bitte dort posten, mir dient dies nur als Aufhänger und als Test für den Blog und die Software als solches.

Manipulation und Fälschung im Buch „Deutschland schafft sich ab“

Das Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ von Thilo Sarrazin ist bereits erfolgreich, bevor es erschienen ist. Nicht weniger als 93% von 122.689 Lesern von http://www.bild.de, wo Vorabauszüge aus dem Buch erschienen waren, halten Sarrazins Thesen für richtig, darunter eine winzige Minderheit, die lediglich die Formulierungen für zu hart hält.[1] Auf http://www.amazon.de sind bereits am Vorabend des Erscheinens, am 29.8.2010, nicht weniger als 85% der Kundenrezensionen mit der Bestnote „5 Sterne“ versehen worden.[2]

Sarrazin behauptet wiederholt, er würde sich mit seinem Buch auf „empirische Erhebungen“ (S. 11) stützen und im Gegensatz zu „jener Kaste von Wissenschaftlern, Politikern und Verbandsfunktionären“ – für Sarrazin eine Art Horrorkabinett – „Daten und Fakten“ (S. 86) sowie „Zahlen und Analysen“ (S. 391) anführen, die seine Thesen belegen würden.

Immer wieder erweckt Sarrazin den Eindruck, Andersdenkende seien „Beschwichtiger und Verharmloser“ (S. 8), „politisch korrekt“ (S. 10, 18), „gefühlsbetont“ (S. 89), „selbstgerecht“ (S. 86) und vor allem „unvernünftig“ (S. 8, 207, 329, 377) und „unrealistisch“ (S. 11, 19, 49).

Tatsächlich enthält das Buch eine ganze Menge an Statistiken, die ihre Wirkung auf die Leser nicht verfehlt. So schreibt etwa ein Laienrezensent auf http://www.amazon.de „Alles was in diesem Buch steht ist statistisch belegt und unstrittig.“ Immerhin 75% der Kommentatoren fanden diese Rezension „hilfreich“. Eine zweite Rezension – 87% „hilfreich“ – schreibt: „Sarrazin belegt seine Thesen mit realen Fakten und Zahlen.“[3] Darüber hinaus erweckt Sarrazin den Anschein, sich auf anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen. Das Buch weist einen umfangreichen Fußnotenapparat auf, und Sarrazin verwendet immer wieder Formulierungen wie „es lässt sich zeigen, dass…“, „empirische Evidenz“, „aktueller Forschungsstand“ oder „in der Sache unstreitig“, die bei dem Leser den Eindruck erwecken, Sarrazin stütze sich auf den Stand der Forschung. An einigen Stellen maßt Sarrazin sich sogar an, über die „Seriösität“ von Wissenschaft ein Urteil abgeben zu können (S. 93, 98, 351).

Schauen wir uns doch einmal genauer an, wie Sarrazin arbeitet.

Sarrazins zentrale These lautet, „dass Deutschland kleiner und dümmer wird“ (S. 17). Die Begründung findet sich auf Seite 91f.: Intelligenz sei, so Sarrazin, „zu 50 bis 80 Prozent erblich“. Es seien aber die wenig intelligenten Angehörigen der Unterschicht sowie die wenig intelligenten (Sarrazin sagt „bildungsfernen“) Migranten „aus der Türkei, dem Nahen Osten und aus Afrika“, die im Gegensatz zu den intelligenten Angehörigen der deutschen Oberschicht besonders hohe Geburtenziffern aufwiesen. „Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt. Dieser qualitative Effekt wirkt sich langfristig entscheidend auf die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft aus.“ (S. 91f.)

Besonders deutlich wird Sarrazin auf Seite 353:
„Die qualitativen Verschiebungen in der Geburtenentwicklung Deutschlands und deren langfristige Folgen, nämlich
–          relative Zunahme bildungsferner autochthoner Schichten
–          Zunahme des Anteils bildungsferner Migranten
–          starke Abnahme der Nachfahren bildungsnaher Schichten
–          homogame Partnerwahl der bildungsnahen Schichten

bewirken, dass der Anteil wie auch die Anzahl der intelligenteren Glieder in der deutschen Gesellschaft abnehmen wird, während der Anteil der nach heutigen Maßstäben unterdurchschnittliche Intelligenten wächst.“

Schauen wir uns einmal genauer an, mit welchen „Zahlen und Analysen“ Sarrazin seine Behauptungen zu belegen versucht.

Da heißt es auf S. 91 „Bei den Migranten wurde bereits gezeigt, dass jene Migrantengruppen besonders viele Nachkommen haben, die als besonders bildungsfern eingestuft werden müssen, also vor allem die Migranten aus der Türkei, dem Nahen Osten und aus Afrika (vgl. Tabelle 3.1).“ Die Formulierung „wurde bereits gezeigt“ sowie der Verweis auf Tabelle 3.1 erwecken den Eindruck, als habe er diese These mit „Daten und Fakten“ belegt. Der durchschnittliche Leser wird sich an dieser Stelle nicht mehr an Tabelle 3.1 erinnern können, denn sie ist 30 Seiten vorher abgedruckt. Macht man sich aber die Mühe,  Tabelle 3.1 nachzublättern, so erkennt man, dass Tabelle 3.1 die These überhaupt nicht belegt, sondern lediglich aufführt, wie viele Migranten aus welchem Land kommen und welche Altersverteilung sie haben.

Dass Sarrazin keine „Daten und Fakten“ zitiert, hat seinen Grund: Die Daten stützen seine These nämlich nicht. So ist die Fruchtbarkeitsziffer der türkischen Migrantinnen in Deutschland zwischen 1975 und 1993 von 4,3 auf 2,5 Kinder zurückgegangen, bei Türkinnen in der Türkei im gleichen Zeitraum von 5,1 auf 2,8 Kinder.[4] Der große Unterschied tritt zwischen der ersten und der zweiten Zuwanderergeneration auf. Liegt bei den türkischen Migrantinnen der ersten Generation der Anteil der Frauen mit mehr als zwei Kindern noch bei 59%, so haben nur noch 34 % der türkischen Migrantinnen der zweiten Generation mehr als zwei Kinder.[5]

Diese Erscheinung gehört zum Standardwissen der Demographie und wird als „demographischer Übergang“ bezeichnet. In vorindustriellen Gesellschaften ohne staatliche soziale Sicherungssysteme ist die Geburtenziffer hoch, weil Kinder die Altersversorgung bilden und wegen der hohen Kindersterblichkeit auch viele Kinder geboren werden müssen. In Industriegesellschaften mit leistungsfähiger sozialer Sicherung sinkt die Geburtenziffer eine Generation, nachdem die Kindersterblichkeit zurückgegangen ist. In Deutschland hat dieser demographische Übergang zwischen 1890 und 1930 stattgefunden, in der Türkei zwischen 1970 und 2010, und bei den türkischen Zuwanderinnen zwischen der ersten und zweiten Generation auch etwa zwischen 1970 und 2000.

Übrigens passen die Türkinnen ihr generatives Verhalten etwa doppelt so schnell an die in Deutschland übliche Fruchtbarkeit an als die Italienerinnen, bei denen der Anteil der Frauen mit mehr als zwei Kindern zwischen der ersten und der zweiten Gastarbeitergeneration „nur“ von 44% auf 33% gesunken ist.[6] Dieser Befund spricht nicht gerade für Sarrazins wiederholte Ansicht, die Türken stellten eine besonders anpassungsunwillige Migrantengruppe dar.

Die Geburtenrate ist also keine Eigenschaft einer Volksgruppe, wie Sarrazin meint, sondern hängt von dem gesellschaftlichen Umfeld ab, in dem man lebt. Die Migrantinnen, auch diejenigen aus der Türkei, haben ihr generatives Verhalten bereits binnen einer einzigen Generation weitgehend an das der Deutschen angepasst und werden es weiter annähern, bis keine Unterschiede mehr feststellbar sind.

Ebenfalls auf Seite 91 kommt eine zweite Kernthese: „Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich.“ Die Aussage klingt präzise, wird aber von Sarrazin an dieser Stelle nicht belegt. Stattdessen leitet er aus ihr seine zentrale Schlussfolgerung ab: „Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt.“ (S. 91f.) Dies ist die Kernthese des ganzen Buchs. Was Sarrazin meint, ist klar: Migranten aus der Türkei, dem Nahen Osten und aus Afrika seien von ihrem genetischen Potential her weniger intelligent als Deutsche und würden deshalb dümmere Kinder hervorbringen. Und weil die Intelligenz im wesentlichen erblich sei, könne man auch nichts dagegen tun.

Auf den folgenden Seiten versucht Sarrazin seine Behauptung, dass Intelligenz erblich sei, an mehreren Beispielen zu veranschaulichen. Er beginnt tatsächlich mit dem Hinweis, dass „jeder Hunde- oder Pferdezüchter“ davon lebe, dass Tiere unterschiedlich intelligent seien und dass diese Unterschiede erblich seien (S. 92).

Dann, auf Seite 93, wird die zwei Seiten zuvor geäußerte Behauptung wiederholt: „Unter seriösen Wissenschaftlern besteht heute zudem kein Zweifel mehr, dass die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist.“ Jetzt wird diese Behauptung mit einer Fußnote belegt (Fußnote 64 zu Kapitel 3). Schlagen wir die Fußnote nach, lesen wir ein wörtliches Zitat aus einer wissenschaftlichen Quelle, die tatsächlich seriös ist.[7]

In der Originalquelle heißt es: „1. Die hohen Langzeitstabilitäten in der Intelligenzleistung, die bereits in der frühen Kindheit um r = .50 betragen und ab der späten Kindheit auf über r = .80 ansteigen, sprechen für das Vorliegen eines stabilen Persönlichkeitsmerkmals.“ (S. 417f.) Hier tauchen also die Werte 0,50 und 0,80 auf – aber es sind keine Prozentsätze, sondern es handelt sich hier um den Produkt-Moment-Korrelationskoeffizienten nach Bravais/Pearson, das in der Statistik am häufigsten verwendete Zusammenhangsmaß. Tatsächlich kann man eine Korrelation auch in Prozent ausdrücken, nämlich wie viel Prozent der Varianz der abhängigen Variable durch die unabhängige erklärt werden. Dieses Maß wird vom Determinationskoeffizienten R2 angegeben, dieser ist aber das Quadrat von r, in unserem Fall also 0,25 und 0,64. Wenn hier etwas variiert, dann ist es nicht zwischen 50 bis 80 Prozent, sondern zwischen 25 und 64 Prozent.

Genau der gleiche Fehler, nämlich r mit R2 zu verwechseln, findet sich auf Seite 98. Auch hier spricht Sarrazin von einer Korrelation der Intelligenz getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge von „78 Prozent“. Die Fachliteratur[8] spricht dagegen von Korrelationskoeffizienten von r = 0,67 (was einem R2 von 45% entspricht) bis r = 0,78 (R2 = 61%), was auch nicht übermäßig viel sagt, weil die sozioökonomischen Kontexte, in denen getrennte Zwillinge aufwachsen, häufig im Hinblick auf die Lernbedingungen nicht dramatisch unterschiedlich sind, zumindest keine Migrationserfahrung beinhalten.

Der Unterschied zwischen den Koeffizienten r und R2 ist keine höhere Wissenschaft, sondern Gegenstand jeder Einführung in die Statistik, wie sie Thilo Sarrazin in seinem Volkswirtschaftsstudium absolviert hat. Deshalb kann man hier wohl davon ausgehen, dass es sich um eine bewusste Irreführung des wissenschaftlich nicht vorgebildeten Lesers handelt.

Noch bedeutsamer ist, dass der zitierte Satz Sarrazins Behauptung auch inhaltlich nicht stützt. Bei der zitierten Korrelation geht es überhaupt nicht darum, wie viel Intelligenz erblich ist, sondern lediglich darum, dass Intelligenz ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal darstellt, das sich in der Entwicklung eines Kindes nur wenig ändert, und zwar umso weniger, je älter das Kind ist, oder, im Umkehrschluss, umso stärker, je jünger das Kind ist. Bei jüngeren Kindern gibt es also – positive oder negative – Einflüsse auf die Entwicklung der Intelligenz, die über die erbliche Veranlagung hinausgehen. Das ist aber genau das Gegenteil von dem, was Sarrazin behauptet.

Das Zitat in Fußnote 64 geht weiter und scheint auf den ersten Blick Sarrazins Behauptung zu stützen: „2. In Kulturkreisen, in denen Kindern weitgehend alle Lerngelegenheiten offen stehen, können mindestens 50% der Varianz in der Intelligenztestleistung durch die genetischen Unterschiede erklärt werden.“ (S. 418) Ausgerechnet die Einschränkung, die die Autoren vornehmen, ist aber für Sarrazins Argumentation zentral: Die Erblichkeit der Intelligenz gilt nur, wenn den Kindern alle Lerngelegenheiten offen stehen.

Dass dies für Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien gerade nicht der Fall ist, hat die von Sarrazin an anderer Stelle durchaus zu Kenntnis genommene PISA-Studie eindrucksvoll bestätigt: In keinem anderen Land haben Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien so schlechte Chancen, ihre angeborene Intelligenz zu entwickeln wie in Deutschland.[9] In anderen Ländern können Migrantenkinder deutlich bessere Bildungserfolge erreichen.

Es ist genau die PISA-Studie, die belegt, dass die schlechten Bildungserfolge von Migrantenkindern eben nicht erblich sind. Vielmehr spielen zwei Faktoren eine Rolle:

Erstens die mangelhafte Frühförderung der Kinder durch die Eltern, die durch die Migrationssituation und/oder durch Sprachbarrieren nicht in der Lage sind, die Intelligenzentwicklung von Kleinkindern in dem Maße zu fördern, in dem das in Familien der Mittelschicht üblich ist oder das durch die stärker auf Bildung ausgerichteten Vorschuleinrichtungen in anderen Ländern erfolgt.

Und zweitens das deutsche Schulsystem, das nicht in der Lage ist, Kindern, die bei der Einschulung nur mangelhaft deutsch sprechen, gute Bildungschancen zu bieten. Ein sechsjähriges türkisches Kind, das kaum deutsch spricht, wird auch im Sachkunde- und Rechenunterricht scheitern, weil es dem Unterricht nicht folgen kann. In dem auf Selektion und nicht auf Förderung ausgerichteten Schulsystem entsteht so in der Grundschulzeit ein Lernrückstand, der nicht mehr aufgeholt werden kann. Die Talente, die Migrantenkinder mitbringen, werden durch die Unzulänglichkeiten des deutschen Schulsystems systematisch vergeudet.

Der Harvard-Professor Richard Lewontin hat den Zusammenhang zwischen angeborener Intelligenz und sozialem Umfeld mit folgender Analogie veranschaulicht:

Man stelle sich vor, man teile einen Sack mit Weizenkörnern zufällig in zwei Hälften und streue die eine Hälfte auf fruchtbaren, die andere Hälfte auf unfruchtbaren Boden. Betrachtet man nur den fruchtbaren Acker, so wird man, nachdem die Pflanzen ausgewachsen sind, Unterschiede in der Größe der Ähren feststellen und diese richtigerweise auf genetische Unterschiede der Samenkörner zurückführen. Betrachtet man die insgesamt mickrigeren Halme auf dem unfruchtbaren Acker wird man dort ebenfalls genetisch bedingte Unterschiede finden. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Unterschiede zwischen der durchschnittlichen Größe der Ähren auf dem fruchtbaren und dem unfruchtbaren Boden ebenfalls genetisch bedingt sind.

Genau diesen Fehlschluss begeht Sarrazin. Er sieht die Unterschiede zwischen den Bildungsleistungen deutschstämmiger und türkischstämmiger Schüler und führt diese auf genetische Unterschiede zurück, obwohl er weiß, dass es die Migrantenkinder – allein aufgrund der Sprachbarrieren – im Schulsystem viel schwerer haben.

In der psychologischen Fachliteratur ist natürlich zu lesen, dass ein Teil der Intelligenz angeboren ist. Aber Erziehung und Bildung können für eine Variation von immerhin 20 IQ-Punkten verantwortlich sein – das entspricht dem Unterschied zwischen einem durchschnittlichen Hauptschüler und einem durchschnittlichen Abiturienten.[10]

Als Kronzeugen für seine Argumente führt Sarrazin die US-amerikanischen Autoren Herrnstein und Murray an, die er wiederholt zitiert (Fußnote 61, 78, 79, 84, 86, 87, 88).[11] Mit diesen Autoren versucht Sarrazin folgende Aussagen zu belegen:

  • Frauen, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind, tendierten dazu, „die Schar ihrer Kinder noch zu vergrößern“ (S. 91).
  • Intelligenz sei teilweise erblich und nicht auf die sozialen und politischen Verhältnisse zurückzuführen (S. 97).
  • Der Einfluss der (angeborenen) Intelligenz auf den Schulerfolg sei größer als der des sozio-ökonomischen Hintergrunds (S. 97).
  • Der gemessene Zusammenhang der Intelligenz von Ehepaaren liege zwischen 40 und 45 Prozent (wieder der Fehler, Korrelationen in Prozenten zu messen) (S. 99).
  • Es gebe eine 90prozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer Unterschichtsfamilie mit einem Durchschnitts-IQ der Armut entkommt (S. 99).

Durch das häufige Zitieren dieser Quelle erweckt Sarrazin den Eindruck, er stütze sich auf seriöse Forschungsergebnisse. Formulierungen wie „es lässt sich zeigen, dass…“ (S. 97) legen dem Leser nahe, es handele sich um allgemein anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse. Aber welche Quelle hat Sarrazin sich da ausgesucht, die er derart prominent in den Mittelpunkt seines Buchs stellt?

  • Professor Michael Nunley, Anthropologe an der University of Oklahoma, schrieb: “Ich glaube, dieses Buch ist eine Fälschung, und die Autoren müssen es gewusst haben … Nach sorgfältigem Lesen kann ich nicht glauben, dass es den Autoren nicht bewusst war, wie sie ihr Material verfälscht haben.“
  • Professor Leon Kamin, ehemaliger Dekan der Fakultät für Psychologie der Princeton University, nannte das Buch „einen Missbrauch der Wissenschaft.”
  • Professor Howard Gardner, Psychologe an der Harvard University, Graduate School of Education, bezeichnete das Buch als “ein akademisches Spiel mit dem Feuer“, weil die Autoren selber nie sagen, dass Intelligenz angeboren ist, dass sie aber den Leser verleiten, eben dies zu folgern (was Sarrazin auch tut).
  • Der Journalist Bob Herbert beschrieb das Buch in der New York Times gar als “ein geschmackloses Stück rassischer Pornographie, das sich als seriöse Wissenschaft maskiert.“[12]

Diese Aussagen dokumentieren, dass Sarrazins Quelle höchst umstritten ist. Das war ihm selber nicht entgangen, wie er in einer Fußnote anmerkt. Aber wie geht Sarrazin mit dieser Kritik um? „Dieses sehr erfolgreiche Buch löste eine heftige Diskussion aus und traf auf eine große Welle öffentlicher Kritik. Diese konzentrierte sich aber auf das Grundsätzliche und Ideologische.“ (S. 419)

Das ist ein weiterer Beleg für Sarrazins Methode, jegliche Kritik an seinen Thesen als „ideologisch“ abzuqualifizieren. Tatsächlich war die Kritik an Herrnstein/Murray alles andere als ideologisch.

Ein Team von Wissenschaftlern der University of California, Berkeley, prüfte die statistische Methodologie von Herrnstein/Murray und kam zur Schlussfolgerung, dass die von Sarrazin behauptete These, dass (angeborene) Intelligenz wichtiger sei als die sozio-ökonomische Herkunft, im wesentlichen ein Effekt einer von Herrnstein/Murray vorgenommenen Datenmanipulation sei.[13]

Sanders Korenman vom National Bureau of Economic Research und Christopher Winship von der Harvard University wiesen ebenfalls gravierende methodische Fehler nach.[14]

Und James Heckmann, immerhin Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften, kritisierte, dass Herrnstein/Murray mit der Absicht, ihre Theorie zu stützen, das falsche Testverfahren für die Intelligenzmessung benutzt haben, obwohl sie wussten, dass ein besseres zur Verfügung gestanden hätte.[15]

Diese Kritiken kann man wohl kaum als „grundsätzlich“ oder „ideologisch“ bezeichnen.

Am Ende setzte die zuständige wissenschaftliche Fachgesellschaft, die American Psychologist Association, sogar eine Task Force ein, um Herrnstein/Murrays Thesen (auf die sich Sarrazin stützt) zu überprüfen. Zur Frage, ob es angeborene Intelligenzunterschiede zwischen Rassen gibt (was Sarrazin im Anschluss an Herrnstein/Murray behauptet), kam die Fachgesellschaft zu folgender Schlussfolgerung:

“Es gibt nicht viele direkte Belege zu diesem Punkt, aber das wenige, das es gibt, unterstützt nicht die genetische Hypothese.”[16] Eine beachtenswerte Untersuchung zu diesem Thema stammte übrigens aus Deutschland: Bei Kindern, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Verbindungen zwischen Besatzungssoldaten und deutschen Frauen hervorgingen, gab es keine Unterschiede in der Intelligenz zwischen den Kindern weißer und schwarzer Väter.[17] Schwarze Kinder, die in Ghettos aufwuchsen, hatten schlechte Testergebnisse, schwarze Kinder, die in deutsche Schulen gingen, dagegen nicht.

Sarrazin scheut nicht davor zurück, seine Behauptung, Intelligenz sei erblich, mit dem Verweis auf die angeblichen Erbmerkmale von Juden zu begründen (S. 93 bis 97). Sarrazin behauptet allen Ernstes, „bereits die frühe Intelligenzforschung“ habe bei Juden europäischer Provenienz einen um 15 Punkte höheren IQ festgestellt (S. 93, wiederholt auf S. 97). Eine Quelle für diese Behauptung nennt er nicht. Stattdessen führt er überproportionale Anteile von Juden unter Wissenschaftlern und Künstlern als Beleg an, die er in sozialdarwinistischer Manier durch hohen „Selektionsdruck“ (S. 95) erklärt.

Dass Juden intelligenter seien, ist ein klassisches antisemitisches Vorurteil, das direkt zur nationalsozialistischen Judenvernichtung beigetragen hat.[18]

Interessanterweise steht diese deutsche Sicht in striktem Kontrast zu Erkenntnissen aus den USA. Dort haben nämlich Juden zur Zeit des Ersten Weltkriegs (als erstmals massenhaft Intelligenztests durchgeführt wurden) in den Tests regelmäßig eine niedrigere Intelligenz gezeigt als der amerikanische Durchschnitt, wie überhaupt europäische Einwanderer – also auch Deutsche – eine geringere Intelligenz gezeigt hatten.[19] Einen klareren Beleg, dass Intelligenz keine Frage der Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder Rasse, sondern eine Frage der sozio-ökonomischen Lebensumstände und Bildungschancen ist, kann es wohl kaum geben. Im übrigen ist die Erklärung für den hohen Judenanteil unter Wissenschaftlern und Künstlern ziemlich nahe liegend: Während talentierte Nichtjuden in Militär und Verwaltung Karriere machen konnten, blieb talentierten Juden nur die Option, in das Bankwesen, die Wissenschaft oder die Kunst zu gehen, weil diese Bereiche weitgehend frei von Diskriminierung waren.

Türkischstämmige (und arabischstämmige und afrikanischstämmige etc.) Migranten in Deutschland weisen nicht deshalb im Durchschnitt schlechtere Bildungsergebnisse auf, weil sie, wie Sarrazin behauptet, eine schlechtere genetische Veranlagung hätten, sondern weil das deutsche Bildungssystem nicht in der Lage ist, die besonderen Belastungen der Migrationssituation auszugleichen.

Von den „Daten und Fakten“, die Sarrazin bringen will, bleibt nach gründlicher Analyse nicht mehr viel übrig. Vielmehr ist das Buch von Verfälschungen, Unterschlagung von Wissen, zweifelhaften Quellen und Fehlschlüssen geprägt.

  • Verfälschend ist beispielsweise die Praxis, Korrelationskoeffizienten als Prozente auszugeben, um sie nach oben zu manipulieren. Eine Verfälschung ist auch, „angeboren“ mit „erblich“ zu verwechseln.
  • Unterschlagen werden beispielsweise die statistischen Daten zur Angleichung des generativen Verhaltens oder zu den Auswirkungen von Förderung und Erziehung auf Intelligenz und Bildungsleistungen.
  • Zweifelhafte Quellen sind extrem umstrittene Arbeiten wie die von Herrnstein/Murray oder wie die des auf S. 353 zitierten Eugenikers Richard Lynn.
  • Ein Fehlschluss ist, dass die schlechten Bildungsleistungen von Migranten- oder Unterschichtskindern auf erbliche Intelligenzdefizite bestimmter Bevölkerungsgruppen zurückzuführen seien. Ein Fehlschluss ist auch die zentrale These, dass die deutsche Bevölkerung immer dümmer werden würde, weil die Prämisse, dass die Migranten und Unterschichtsangehörigen weniger intelligente Erbanlagen hätten, nicht zutrifft.

Worauf Sarrazin mit seinem Buch abzielt, lässt sich auf Seite 93 lesen. Dort schreibt er, dass die evangelische Kirche seit der Reformation „die intelligentesten Knaben für die geistliche Laufbahn ausgewählt“ habe. Da „evangelische Pfarrersfamilien traditionell sehr kinderreich“ gewesen seien, habe sich diese Auslese darin niedergeschlagen, dass ein Pool von besonders intelligenten Menschen gezüchtet worden sei, aus dem sich „ein erstaunlich großer Teil der deutschen wissenschaftlichen Elite“ rekrutiert habe, während die katholische Kirche durch den Zölibat die Vermehrung der Intelligenzgene verhindert habe.

Abgesehen davon, dass diese Behauptungen (wieder einmal) nicht belegt und im übrigen auch falsch sind (nicht die evangelische Kirche hat Knaben ausgewählt, sondern häufig wurden die drittgeborenen Knaben von ihren Eltern in die geistliche Laufbahn entsandt), legt diese Passage Sarrazins Vorstellung von einem idealen Deutschland offen: Ein totalitäres System, das Menschen mit ihren Erbanlagen so züchtet, wie dies Hunde- und Pferdezüchter tun. Das nennt sich „Eugenik“ – der Erfinder dieses Begriffs, Francis Galton, wird von Sarrazin hoch gelobt (S. 92f.) – oder auf deutsch „Rassenhygiene“ und diente zur Zeit des Nationalsozialismus zur Rechtfertigung von Zwangssterilisierungen, Euthanasie und Völkermord.

Kontakt:
Prof. Dr. Volker Eichener
Rektor der EBZ Business School – University of Applied Sciences
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Tel. 0234-9447-700
mobil 0171-69 56 55 0
v.eichener@ebz-bs.de
www.ebz-business-school.de


[1] http://www.bild.de/BILD/politik/2010/08/23/thilo-sarrazin/deutschland-immer-aermer-und-duemmer.html, zugegegriffen am 29.8.2010.

 

[2] http://www.amazon.de/Deutschland-schafft-sich-unser-setzen/dp/3421044309/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1283114738&sr=8-1, zugegriffen am 29.8.2010.

[3] http://www.amazon.de. Kundenrezensionen zum Buch von Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Abgerufen am 28.8.2010.

[4] Nadja Milewski: Fertility of Immigrants. A Two-Generational Approach in Germany. Diss., Heidelberg et. al. 2010, S. 59.

[5] Ebda., S. 98.

[6] Ebda.

[7] Elsbeth Stern/Jürgen Guthke: Perspektiven der Intelligenzforschung. Lengerich 2001, S. 9.

[8] Amelang, M. et al: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie. 6. Auflage Stuttgart 2006, S. 463; Asendorpf, J.: Psychologie der Persönlichkeit. 4.Aufl. Heidelberg 2007.

[9] Jürgen Baumert u. a.: PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Deutsches PISA-Konsortium. Opladen 2001.

[10] Gerhard Roth: Wer oder was bestimmt unser Handeln? Beobachtungen zur Zeit Nr. 7, Warburg, 2006, S. 9.

[11] Herrnstein, Richard/Murray, Charles: The Bell Curve – Intelligence and Class Structure in America. New York 1994.

[12] Alle Zitate nach http://en.wikipedia.org/wiki/The_Bell_Curve, eigene Übersetzung.

[13] Claude S. Fischer, Michael Hout, Martín Sánchez Jankowski, Samuel R. Lucas, Ann Swidler, & Kim Voss: Inequality by Design: Cracking the Bell Curve Myth. Princeton 1996.

[14] Korenman, Sanders and Winship, Christopher: A Reanalysis of The Bell Curve”. NBER Working Paper Series, Vol. w5230, 1995.

[15] Heckman, James J.: Lessons from the Bell Curve. Journal of Political Economy 103 (5), 1995, S. 1091–1120.

[16] Ulrich Neisser et al.: Intelligence: Knowns and Unknowns. American Psychologist, February 1996,  S. 95.

[17] Ebda.

[18] vgl. Sander L. Gilman: Die schlauen Juden. Über ein dummes Vorurteil. Berlin 1998.

[19] Sowell, Thomas: Ethnicity and IQ. The American Spectator 28 (2), 1995.

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Ich möchte nochmals betonen daß jedwedes Recht an diesem Text bei der Quelle liegt.